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Filmemachern aus der Nische helfen

Verglichen mit der immensen Größe des Marktes und der Zahl der potenziellen Zuschauer ist die Filmindustrie in den meisten spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas nicht besonders stark entwickelt.

Während sich der kommerzielle Sektor auf relativ wenige Produktionszentren - unter anderem in Mexiko und Argentinien - konzentriert, haben es Filmemacher in den übrigen Ländern schwer. Einen möglichen Ausweg aus der prekären finanziellen Situation bieten seit kurzem die Förderung durch die Kulturstiftung der ALBA und die gezielte Werbung für Produktionen aus jenen Staaten.

Es zeigt sich, dass die hierzulande äußerst uneinheitlich beurteilte ALBA („Bolivarische Allianz für die Völker Unseres Amerika“), die von Fidel Castro und Hugo Chávez gegründet wurde und der zurzeit acht Staaten angehören, nicht allein auf Initiativen für „solidarische Handelsbeziehungen“ und auf die Propagierung eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ reduziert werden darf.

Auf und ab in Kubas Filmindustrie

Die wirtschaftliche Sonderperiode in Kuba, die mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) eingesetzt hatte, sorgte auch bei Künstlern und Kulturschaffenden für neue Produktionsbedingungen. Besonders in der kubanischen Filmindustrie, die bis in die frühen 1990er Jahre stark subventioniert worden war, musste man umdenken lernen. Ambitionierte Großprojekte aus jener Zeit (z.B. „Fresa y chocolate“ von Juan Carlos Tabío und Tomás Guitierez Alea, 1993) konnten nur mittels internationaler Kofinanzierung verwirklicht werden.

Erst die relative Entspannung der wirtschaftlichen Lage, die unter anderem durch vom ALBA-Bündnis angestoßene Initiativen erreicht wurde, sorgte für neue Freiräume für die Filmkünstler. Hinzu kommt, dass moderne digitale Verfahren die Herstellung von Filmen wesentlich verbilligt haben und sich Nachwuchs-Filmemacher auf kürzere – und dadurch kostengünstigere – Formate verlegt habe.

Kulturstiftung der ALBA

Mit dem „Fondo Cultural del ALBA“ besitzt die ALBA eine Einrichtung, die Kulturschaffende gezielt unterstützt und Plattformen für deren Arbeiten zur Verfügung stellt. Unter anderem existieren ein Preis für Kunstkritik und -theorie, eine Auszeichnung für junge Literaten unter 40 sowie ein Preis, der für das Lebenswerk eines Künstlers vergeben wird. Filmemacher profitieren von dem vor gut drei Jahren erstmals ausgelobten ALBA-Preis „Latinoamérica Primera Copia“. Mit dieser von Venezuela und Kuba kofinanzierten Auszeichnung werden bereits in der Produktion befindliche Projekte gefördert und zum Abschluss gebracht.

Der 2009 in Berlin mit dem Großen Preis der Jury („Silberner Bär“) ausgezeichnete uruguayische Film „Gigante“ hatte eine Förderung aus dem Topf der „Primera Copia“ erhalten. Auch die in Berlin seit 2010 jährlich stattfindenden Filmabende unter dem Titel „Kurzfilmfestival ALBA“ gehen auf den üblicherweise wenig beachteten kulturellen Arbeitsbereich der ALBA zurück.

„II. Kurzfilmfestival ALBA – Neue Regisseure“

Im Mai fand in der Berliner Humboldt-Universität die zweite Auflage des ALBA-Kurzfilmfestivals statt. Gezeigt wurden sechs Produktionen aus fünf Ländern (Bolivien, Ecuador, Kuba, Nicaragua und Venezuela), die einen weiten thematischen Bogen spannten. In „Colmillo“ (Regie: Albi de Abreu, Venezuela) muss sich ein Bettler mit einer Dogge auseinandersetzen, die sein behelfsmäßiges Nachtquartier besetzt hält. Erst im Kampf um sein rechtmäßiges Territorium wird der Mann aus der Lethargie gerissen.

Sebastián Miló und Adriana Fernández (Kuba) erzählen in „Trovador“ von der Entscheidung für oder gegen eine Beziehung: Ein Mann stellt sich vor, wie er die Angebetete, die neben ihm auf einer Parkbank sitzt, mit seinem Gesang für sich einnimmt und wie ein ganzer öffentlicher Platz sich seinen Bemühungen anschließt. Während „Gasas en los úteros“ (R: Elsye Suquilanda, Ecuador) die albtraumhaften Gedanken und Erlebnisse einer Frau nach einem medizinischen Behandlungsfehler zum Thema hat, erzählt der andere ecuadorianische Beitrag „Emilia“ (R: Carla Valencia) in beinahe comicartigen Bildern von der elterlichen Liebe zur kleinen Emilia. Der von Nelson Martínez Espinoza (Bolivien) produzierte Dokumentarfilm zeigt Eindrücke vom Leben in der Großstadt La Paz und lässt Beteiligte an den Auseinandersetzungen um die 2003 geplante Privatisierung des Erdgas-Handels zu Wort kommen.

Dass die Kurzfilmproduktion in den Ländern des ALBA-Staatenbundes äußerst facettenreich ist, belegte auch der Beitrag aus Nicaragua: Es war der bereits Ende der 1980er Jahre erstellte und auf verschiedenen Festivals gezeigte Film „El hombre de una sola nota“ (R: Frank Pineda), der einen einsamen, mysteriösen Musiker auf seinem Weg durch eine kriegerisch anmutende Stadtkulisse zeigt.

Autor: Thomas Völkner