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Feuerpause: Mara-Banden halten nach Waffenruhe still

Den historischen Moment hielten unzählige Kameras fest: Erzbischof Luigi Pezzuto, Apostolischer Nuntius in El Salvador, und Dionisio Umanzor, Chef der berüchtigten Mara-Bande "M13" reichen sich die Hände. Die Szene, die sich in dieser Woche im Gefängnis von San Miguel abspielte, hat Symbolcharakter. Die katholische Kirche und die für ihre Gewalt ebenso bekannten wie gefürchteten Jugendbanden reden miteinander. Ganz El Salvador verfolgt in diesen Tagen gebannt, wie sich dieses Experiment entwickelt. Sogar die Vereinigten Staaten würdigten das Geschehen. Maria Otero, stellvertretende US-Staatssekretärin, bezeichnete die Gespräche in dieser Woche als "interessant." Auch in den USA gibt es Ableger der berüchtigten Gangs.

Bischof Colindres: "Die Zeit war reif für eine solche Verständigung"

El Salvador gilt als Ursprungsland der Bewegung; die Banden agieren vorwiegend in Nord- und Mittelamerika. Die Mitglieder sind zumeist durch Tätowierungen wie "M", "MS" oder "13" erkennbar, die auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Mara-Gruppen hinweisen. Allein in El Salvador gibt es nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bis zu 100.000 Mitglieder dieser gewaltbereiten Gangs, die durch Drogenhandel, Schutzgelderpressung oder Prostitution ihre Einnahmen generieren. Das hat Konsequenzen: El Salvador gilt wegen seiner Mordrate von 62 Morden auf 100.000 Einwohner als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Laut UN-Angaben werden täglich zwölf Menschen ermordet.

Zwei der führenden kriminellen Jugendbanden El Salvadors haben nun eine Art inoffiziellen Waffenstillstand beschlossen. Wie der Apostolische Administrator von Sonsonate, Bischof Fabio Colindres Abarca, bestätigte, hätten sich die Gruppen "Mara Salvatrucha" und "Mara18" verständigt, die Waffen nicht mehr aufeinander zu richten. Beide Seiten hätten die Bereitschaft signalisiert, die zuletzt vorherrschende chaotische Situation zu beenden und aufeinander zuzugehen, erklärte Bischof Colindres, der angesichts der jüngsten Gewaltwelle die Bedeutung des Übereinkommens unterstrich: "Die Zeit war reif für eine solche Verständigung."

Mordrate ging schon in ersten Tagen spürbar zurück

Bereits in den ersten Tagen nach dieser Vereinbarung ging die Mordrate in dem mittelamerikanischen Land spürbar zurück, berichten El Salvadors Medien. Die von Bischof Colindres eingeleiteten Vermittlungsgespräche beherrschen die Schlagzeilen. Staatspräsident Mauricio Funes lobt die Arbeit der katholischen Kirche und sieht die Chance gekommen, dank der neuen Dynamik einen "Pakt der nationalen Sicherheit" zu schließen.

Doch der Regierungschef weiß, dass man sich bei Verhandlungen mit den Mara-Gangs auf dünnem Eis bewegt. "Wir verhandeln nicht mit kriminellen Banden", sagt Funes offiziell mit Blick auf die Tatsache, dass nicht alle gesellschaftlichen Gruppen den Kurs einer Annäherung an die Gangs unterstützen. Doch die Ergebnisse der hinter den Kulissen geführten Gespräche sprechen eine andere Sprache. Unter anderem wurden zahlreiche führende Köpfe der Mara-Gangs in andere Gefängnisse verlegt. Offenbar eine Forderung der Bandenleitung. Unterstützt wurden die Gespräche von Justizminister Munguia Payes.

Bandenführer Umanzor: "Wir machen das für das Volk"

Bischof Colindres sieht zu der direkten Auseinandersetzung mit den stigmatisierten Gruppen keine Alternative. Die in dem mittelamerikanischen Land kontrovers diskutierten Gespräche seien ein erster Schritt in die richtige Richtung, erklärte er: "Der Rückgang der Mordrate sollte nicht Anlass zu Verdächtigungen, sondern zu Freude und Hoffnung auf eine neue Annäherung sein."

Doch nicht nur für Kirche und Politik steht einiges auf dem Spiel, auch Bandenführer Dionisio Umanzor weiß, dass seine Autorität in den eigenen Reihen in Frage gestellt werden könnte. Deswegen stellte Umanzor in den Gefängnismauern von San Miguel klar, es gebe keinen Waffenstillstand oder gar einen Pakt mit anderen Gruppen. Stattdessen sprach er von einem Prozess, der in Gang gekommen sei. Und dann richtete er seine Worte per Mikrofon an alle, die auch außerhalb der Mauern zuhörten: "Ich möchte, dass sie verstehen, dass wir das für das Volk machen, denn das Volk ist es, das leidet.

Autor: Tobias Käufer, Quelle: KNA

Die führenden kriminellen Jugendbanden "Mara Salvatrucha" und "Mara 18" haben Waffenstillstand geschlossen. Foto: Steffen/Adveniat