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Feminizide - Umdenken erforderlich

„Wir stehen vor einem echten nationalen Notstand“, mahnt das Observatorium für Frauenangelegenheiten in der Dominikanischen Republik. Bis Ende Juli hat es dort 115 Feminizide gegeben.

Hunderte Frauen protestierten am vergangenen 11. Juli vor dem Parlament gegen die hohe Zahl von tödlicher sexualisierter Gewalt in der Dominikanischen Republik. Laut Generalstaatsanwaltschaft hat es im ersten Halbjahr dieses Jahres 98 Todesopfer gegeben. Bis Ende Juli stieg die Zahl der Todesopfer bereits auf 115 ermordete Frauen an.

Bis zu 40 Jahre Haft gefordert

Die zwei jüngsten Fälle wurden am 30. Juli bekannt. Laut Polizeisprecher Máximo Báez habe ein Sergeant der Armee in Santo Domingo Este seine Frau mit Faustschlägen zu Tode geprügelt und anschließend versucht, sich selbst zu vergiften. Der Mann überlebte jedoch. Der zweite Fall ereignete sich im zentralen Süden der dominikanischen Republik in der Provinz San José de Ocoa. Dort stach ein Mann seine Geliebte tot und erhängte sich anschließend.

Bereits letzten Oktober hatte der Abgeordnete Félix Bautista einen Vorschlag ins Parlament eingebracht, der eine Änderung des Strafrechts für Feminizide vorsieht – seit Donnerstag der vergangenen Woche wird der Vorschlag nun im Senat diskutiert. Präsident Leonel Fernández sprach sich zudem für eine Revision von Präventivmaßnahmen zum Schutz der Frauen aus.

Bis zu 40 Jahre Haft für einen Feminizid sieht der Vorschlag von Bautista vor. Ein Feminizid „beendet nicht nur das Leben einer Frau. Mit ihr sterben eine Mutter, eine Tochter, eine Schwester“, erklärte der Senator vergangenes Jahr gegenüber der Agentur Semlac.

Altes Recht: Opfer heiraten bringt Straffreiheit

Die Vorsitzende des Zentrums für Genderstudien INTEC und Beraterin für die Kommission zu Genderfragen in der dominikanischen Abgeordnetenkammer, Desiree del Rosario, fordert zudem einen grundlegenden Wandel des Geschlechterbildes: „Es ist nicht von Vorteil, als Opfer angesehen zu werden. Stattdessen müssen wir als rechtliche Subjekte angesehen werden.“ Außerdem sei es notwendig, dass Feminizide auch strafrechtlich als spezielle Form der Gewalt gegen Frauen geahndet würden. Dagegen gebe es jedoch noch Widerstände, so die Ärztin.

Während in den lateinamerikanischen Staaten Mexiko, Costa Rica, Guatemala, Chile, El Salvador, Peru und jüngst auch Nicaragua Feminizide eine eigene Kategorie im Strafrecht erhalten haben, ist dies in der Dominikanischen Republik, in der rund 10,5 Mio. Menschen leben, nicht der Fall. Dort war es zumindest bis zum Herbst letzten Jahres noch möglich, dass die Anklage gegen einen Gewalttäter wieder fallengelassen wird, wenn dieser anbietet, sein Opfer zu ehelichen.

Zwei Tote binnen zwei Tagen

Nach einem von Comcosur zitierten Bericht des „Aktiven Zivilgesellschaftlichen Observatoriums für Frauenfragen“ in der Dominikanischen Republik sind Feminizide im ersten Halbjahr dieses Jahres die häufigste Todesursache bei Frauen gewesen. Die Autoren hatten die 98 von der Staatsanwaltschaft für das erste Halbjahr bekannt gegebenen Morde in eine zeitliche Dimension umgerechnet: Alle 44,6 Stunden stirbt demnach in der Dominikanischen Republik eine Frau durch einen Feminizid. Das sind zwei Tote in weniger als zwei Tagen.

Mehr als 60 Prozent der Morde ereignen sich im Haus des Opfers, nur 20 Prozent der Delikte werden in der öffentlichkeit verübt. Fast 38 Prozent der Frauen kamen durch Stichwaffen ums Leben, fast 36 Prozent durch Schusswaffen. Rund 14 Prozent der Opfer wurden erwürgt. Die Täter waren meistens die Partner der Frauen (36 Prozent) oder deren Ex-Partner (21 Prozent).

Bei der Präsentation der Studie forderten die Autorinnen endlich auch politische Maßnahmen gegen die in den letzten Jahren immer stärker zunehmende Gewalt gegen Frauen. Prävention, Opferschutz, strafrechtliche Verfolgung und entsprechende Strafen seien notwendig, um dem Problem zu begegnen.

„Wir stehen vor einem echten nationalen Notstand für den eine Lösung des Problems nicht weiter hinausgeschoben werden kann“, mahnt das Observatorium.

Autorin: Bettina Hoyer

Aufruf gegen Frauengewalt / Foto: Hoyer