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Fanesca - Fastenbrechen in Ecuador

„Esst! Nahrhafter wird es dieses Jahr nicht mehr!“, ruft jemand in die Runde. Gelächter. Der erste Teller Fanesca ist längst leer gegessen und einige schielen verstohlen in Richtung der Gastgeber, um herauszufinden, ob noch ein zweiter Teller dieses leckeren Eintopfes drin ist. Fanesca ist das Mahl des Fastenbrechens in Ecuador, wobei sich indigene und christliche Traditionen vermischen.

„Die Mestizen kochen dieses Essen am Donnerstag vor Ostern, weil sie am Freitag in die Kirche gehen. Wir Kichwa-Indigenen gehen am Freitag nicht in die Messe, deshalb bereiten wir die Fanesca erst am Freitag zu“, erklärt etwa der 38-jährige Tischler Ramiro, während er abends probiert, was die anderen Familienmitglieder gekocht haben.

In dem indigenen Dorf San Clemente, am Fuß des imposanten Vulkanberges Imbabura, haben rund ein Dutzend Leute seit dem Morgengrauen am Gelingen dieses Osteressens mitgewirkt.

Wer bringt welche Zutaten?

Wo wirst du Fanesca essen? Wie bereitet ihr dieses Essen zu? Kocht ihr es am Donnerstag oder am Freitag? Wer kommt? Wer bringt welche Zutaten mit? Schon Tage vorher gelangt scheinbar jedes Gespräch an diesen Punkt. Fanesca ist nicht nur ein traditionelles Eintopfgericht, sondern ein Ereignis: Die ganze Familie kommt zusammen und das Essen wird gemeinsam zubereitet. Das dauert viele Stunden - und jede Menge fleißige Hände sind dazu nötig.

Die indigenen Dorfbewohner in den Gemeinden rund um den Imbabura sind sichtlich stolz darauf, dass sie, im Gegensatz zu den Städtern im nahegelegenen Otavalo, nur wenige Zutaten kaufen werden, wie etwa den Bacalao, den gesalzenen getrockneten Fisch, der in dieses Karfreitagsessen hineingehört und schon am Tag zuvor eingeweicht werden muss.

Zu Ehren der zwölf Apostel

„Um 5.30 Uhr geht es bei uns los: mit dem Melken der Kühe!“, erklärt Wilmer. Einige ernten Mais und Bohnen auf ihren Feldern, andere bringen Erbsen, Quinóa, Reis oder Linsen. Mehrere Bohnenarten, oder auch Kichererbsen gehören hinein. „Zwölf Körner sind in der Suppe“, unterstreicht Ramiro, „zu Ehren der zwölft Apostel.“ Hinzu kommen Kürbis, Lauch, Möhren, Paprika und Gewürze. Und die frisch gemolkene Milch. „Alles was die Natur zu dieser Zeit hergibt, außer Fleisch, muss hinein in die Fanesca“, heißt es.

Gegen 10 Uhr sind alle versammelt und jung und alt machen sich gemeinsam ans Kochen. In die Freiküche werden riesige Töpfe getragen, einige Frauen machen Feuer, andere schälen den Mais von den Kolben, enthülsen die dicken Bohnen oder schneiden die bunten Knollen des Melocco und die Kartoffeln in winzige Eckchen. Währenddessen bleibt genug Zeit, um zu schwatzen und sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen.

Tauschen mit den Nachbarn

Eine Schüssel mit Teig aus Weizenmehl kommt gegen halb eins aus dem Haus in die Freiküche. Winzige Kügelchen, die „bolitas“ werden daraus geformt und schließlich frittiert. Auch sie landen in dem üppigen Eintopfgericht. Aber damit noch nicht genug: Frittierte Bananen, Weißkäse und hart gekochte Eier müssen noch in die Fanesca. Es ist nach 14 Uhr, als der Festschmaus schließlich beginnt.

„Wir kochen immer riesige Mengen, denn wir bringen auch den Nachbarn und Verwandten, die nicht mit uns zusammen kochen, etwas von unserer Fanesca“, erklärt Tereza, die Ehefrau von Ramiro. Am Abend fragt sie lachend, ob jemand nochmals Fanesca möchte – und falls ja, welche wohl? Mehrere Töpfchen stehen mittlerweile in ihrer Küche. Aber es gibt eine andere Leckerei, die den Fanesca-Variationen der Nachbarn spielend den Rang abläuft: die „Colada Morada“, eine warme Süßspeise aus schwarzem Maismehl und Ananas, Brombeeren, Erdbeeren und Blaubeeren.

Hungrig ist an diesem Abend niemand mehr. Und während andernorts in Ecuador noch bis Sonntag gefeiert wird, hält in den indigenen Gemeinden rings um den Imbabura schon wieder der Alltag Einzug: Am Samstag wird in San Clemente zur Minga, zu einem gemeinsamen Arbeitseinsatz gerufen: die Straße im Dorf soll ausgebessert werden.

Autorin: Bettina Hoyer