Mexiko |

Fahrt ins Verhängnis

Immer mehr Zivilisten werden Opfer des Drogenkriegs in Mexiko. Familien beim Strandausflug, Studenten auf dem Weg zum Campus oder Besucher in einem Straßencafé geraten zwischen die Fronten. Die Regierung wird von mehreren Seiten für ihre Strategie gegen den Drogenhandel kritisiert.

Es war einer dieser drückend heißen Sommertage in der Wüste Nordmexikos. Martín Almanza wollte seiner Familie etwas Gutes tun und zum Strand fahren. Doch es wurde später als geplant, die Sonne stand schon tief, als die 13köpfige Großfamilie endlich losfuhr – mitten ins Verhängnis.

Ihr Bundesstaat Tamaulipas ist eine der Hochburgen der Drogenmafia, zwei verfeindete Kartelle – das Golfkartell und die Zetas – liefern sich dort erbitterte Schlachten um die Kontrolle der Schmuggelrouten in die USA. Die Armee, in den Drogenkrieg geschickt von Präsident Felipe Calderón, soll für Sicherheit sorgen.

Um 18.30 Uhr geriet die Familie Almanza ins Visier der Streitkräfte, ohne Vorwarnung flogen ihnen plötzlich Kugeln um die Ohren. Als das Feuer schließlich aufhörte, war der Wagen durchlöchert, fünf Familienmitglieder verletzt und die beiden Jungs Martin (9) und Bryan (5) tot. Das Auto sei leider ins Kreuzfeuer bei einer Verfolgungsjagd von Drogenhändlern geraten, so die Armee. Die Soldaten hätten grundlos das Feuer eröffnet und ihre Kinder kaltblütig ermordet, so die Eltern. Ermittlungen der Nationalen Menschenrechtskommission bestätigten die Version der Familie.

Zivilisten geraten zwischen die Fronten

Der Tod der beiden Jungs ist nur eines der vielen tragischen Kapitel des Drogenkriegs, zwischen dessen Fronten seit 2006 mehr als 30.000 Menschen ums Leben kamen. 90 Prozent der Opfer sind laut der konservativen Regierung Angehörige oder Handlanger der Kartelle.

Bleiben 3000 unschuldige Opfer. Wie die zwei Studenten der Universität von Monterrey, die bei einer abendlichen Examensvorbereitung auf dem Campus von verirrten Kugeln eines Anti-Drogen-Einsatzes getötet wurden. Oder die Mutter mit ihrem Baby, die auf der Strandpromenade von Acapulco um die Mittagszeit in einen Schusswechsel geriet – beide starben. Derartige Vorfälle machen Schlagzeilen. Von „Blutrausch“ und „Gewaltorgie“ berichten Medien im In- und Ausland. Das Image ist am Boden, der Tourismus eingebrochen.

Regierung sieht Erfolgsrekorde

Doch die Regierung feiert. Mexiko habe Rekorde bei der Verbrechensbekämpfung gebrochen. 227 Labors seien ausgehoben, 389 Millionen Dollar sichergestellt, 409 Flugzeuge beschlagnahmt, 23.000 Autos konfisziert, 90 Tonnen Kokain vernichtet und 90.000 Mitglieder der Mafia festgenommen worden, darunter zahlreiche ranghohe Bosse. „Die Strategie ist erfolgreich“, so Regierungssprecher Alejandro Poiré. Auch der Fall der getöteten Migranten zeige, dass die Kartelle immer mehr in Bedrängnis gerieten und neue Einnahmequellen erschließen müssten.

Ist die Festnahme von Drogenbossen, die Aufsplitterung der Mafiastrukturen in Mini-Kartelle diesen Preis wert? “Ja“, sagt Joaquín Villalobos, ein ehemaliger linker Guerillero aus El Salvador und einer der Sicherheitsberater Calderóns: „Der Staat muss die Kartelle in die Enge treiben, Terrain gewinnen. Ohne das machen weder Justizreformen noch Sozialprogramme Sinn“. Erhärtet wird sein Argument durch Ermittlungen des Senats, wonach 60 Prozent der Gemeinden von den Kartellen infiltriert sind. Auch Justiz und Sicherheitskräfte sind korrupt, infiltriert und ineffizient.

Wird Mexiko ein zweites Kolumbien?

Ist Mexiko also wie einst Kolumbien auf dem Weg zu einer Narco-Demokratie, zu einem „gescheiterten Staat?“ „Nein“, entgegnet der ehemalige Außenminister Jorge Castaneda. Mexiko habe traditionell einen starken Staat und sei mit zehn Morden auf 100.000 Einwohner weitaus sicherer als beispielsweise Kolumbien (37), Venezuela (48), Brasilien (25) oder Mittelamerika (mehr als 50).

Der Krieg mache keinen Sinn. Er habe weder die Drogenschmuggel verringert, noch die Kartelle merklich geschwächt oder die Gewalt eingedämmt. Nach Auffassung Castanedas war der Drogenkrieg eine rein politische Entscheidung nach Calderóns knappem und von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahlsieg 2006. Der Drogenkrieg – so das politische Kalkül - brachte lobende Worte vom großen Nachbarn USA und schloss intern die Reihen.

War der Krieg anfangs noch höchst populär, sinken die Umfragewerte inzwischen. Die Hälfte der Mexikaner unterstützt ihn laut einer Erhebung von Harris Active-Indemerc zwar noch, doch 75 Prozent glauben, dass die Kartelle den Krieg gewinnen. Die Gewalt ist weit vor der Arbeitslosigkeit das größte Problem für die Befragten, und die Lage in Mexiko hat sich für 64 Prozent verschlechtert – trotz wirtschaftlicher Erholung in diesem Jahr.

Kritik am Einsatz von Soldaten

Mit jedem getöteten Zivilisten werden die kritischen Stimmen lauter. Die linke Partei der Demokratischen Bürgerrevolution (PRD) forderte die Regierung auf, die Soldaten sofort in die Kasernen zu beordern. Sie seien nicht ausgebildet für den Erhalt der öffentlichen Sicherheit, ihr Einsatz verstoße gegen die Verfassung. Akademiker und Bürgerrechtler verlangen vehement eine andere Strategie. Genervt entgegnete ihnen Calderón, von ihm aus könnten sie über eine Legalisierung der Drogen diskutieren, er sei aber strikt dagegen.

Eine Legalisierung, so auch Villalobos, sei keine Lösung, solange die größten Konsumenten, die USA und Europa, scheinheilig die Verantwortung auf die Produzentenländer schöben, weil der Drogenkonsum für sie keine strategische Bedrohung darstelle. Sondern im Gegenteil eine wichtige Geldquelle: UN-Studien zufolge bringt der Drogenhandel jährlich Gewinne von 320 Milliarden Dollar, 70 Prozent davon werden im in den Industrieländern gewaschen.

Calderón will die Armee bis zum Ende seiner Amtszeit 2012 gegen die Drogenhändler einsetzen. Was dann kommt, ist freilich völlig offen. „Ich schließe nicht aus, dass sich unter einem neuen Präsidenten die Strategie komplett ändert“, sagt John Kewell, Vize-Präsident der Sicherheitsfirma Control Risks in Mexiko. Vielleicht auch deshalb, weil sich das Problem von Mexiko nach Mittelamerika verlagert, wo die Kartelle jetzt schon neue Operationsbasen aufbauen. Ein Phänomen, das als „Luftballon-Effekt“ bekannt ist: wird an einer Stelle der Druck erhöht, beult sich der Ballon an anderer Stelle aus – ohne dass dies das Gesamtvolumen der gehandelten Drogen merklich beeinträchtigt.

Autorin: Sandra Weiss