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Ex-Diktator Duvalier der Justiz vorgeführt

Haitis Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier ist nach seiner Rückkehr in die Heimat der Justiz vorgeführt worden. Ein Polizeikommando, ein Staatsanwalt und ein Untersuchungsrichter holten den 59Jährigen am Dienstag mittag aus seinem Hotelzimmer in Port-au-Prince und führten ihn ab. Weder er noch seine Frau Veronique Roy antworteten auf die Fragen der anwesenden Journalisten, Roy lachte nur nervös in die Kameras. Eine für Dienstag anberaumte Pressekonferenz wurde abgesagt; der öffentlichkeit hatte „Baby Doc“ bis dahin nicht die Motive seiner Rückkehr enthüllt.

"Komplizenschaft" Prévals

Oppositionelle wie Bürgermeister Evans Paul werfen der Regierung von Präsident René Préval „Komplizenschaft“ vor. Sie hätten damit von der von Betrug überschatteten Wahl vom November ablenken wollen, so Paul. Préval möchte seinem Kronprinz Jude Celestin den Einzug in die Stichwahl ermöglichen. Einem Bericht der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zufolge müsste jedoch der Sänger Michel Martelly in der zweiten Runde gegen die in der Auszählung führende Mirlande Manigat antreten. Weder die Regierung noch der von ihr kontrollierte Provisorische Wahlrat äusserten sich bislang zu dem Bericht. Die für vergangenen Sonntag anberaumte Stichwahl wurde auf unbefristete Zeit vertagt. Ein US-Aussenamtssprecher erklärte, Duvaliers Rückkehr habe Washington überrascht und verschärfe die politische Ungewissheit.

Korruptionsvorwürfe

Vor dem Luxushotel Karibe hatten sich zahlreiche Anhänger des Ex-Diktators versammelt, er wurde daher durch die Hintertür aus dem Hotel gebracht und in einem Polizeiwagen zur Staatsanwaltschaft gebracht. Das Verhör, bei dem es offenbar vor allem um Korruptionsvorwürfe ging, lief bei Redaktionsschluss noch. Unklar war, ob Duvalier anschliessend wieder auf freien Fuss gesetzt oder inhaftiert würde. Nach Angaben des französischen Botschafters waren die Duvaliers im Besitz eines Rückflugtickets nach Frankreich für Donnerstag. Seit seiner Ankunft am Sonntag abend war Duvalier von schwer bewaffneten Polizisten eskortiert worden, die nur Anhängern des Ex-Diktators ins Hotel zu ihm liessen.

Menschenrechtsverletzungen und Unterschlagungen

Zuvor hatte Regierungschef Jean-Max Bellerive erklärt, ein Prozess gegen den am Sonntag aus dem französischen Exil zurückgekehrten Ex-Diktator sei möglich. „Jeder Bürger ist in Haiti der Gerichtsbarkeit unterworfen“, sagte Bellerive. Duvalier werden schwere Menschenrechtsverletzungen während seiner Herrschaft von 1971 bis 1986 sowie die Unterschlagung von mehr als 100 Millionen Dollar vorgeworfen. Ein Teil der Gelder sind in der Schweiz geparkt und wurden von der Justiz eingefroren. Sie sollen dem in Februar in Kraft tretenden „lex Duvalier“ zufolge dem Wiederaufbau Haitis nach dem schweren Erdbeben zugute kommen. Die Vorwürfe gegen Duvalier sind nach Auffassung seiner Anwälte jedoch verjährt.

Dies könnte zwar auf die Korruptionsfälle zutreffen, hinsichtlich der politischen Morde während seiner Amtszeit prüft die UNO aber derzeit die juristischen Möglichkeiten, wie ein Sprecher des UN-Hochkomissars für Menschenrechte am Dienstag in Genf mitteilte. „Ein Prozess gegen Duvalier in seiner Heimat, wo die Verbrechen begangen wurden, wäre einfacher und wünschenswert; aber es ist nicht klar, ob die geschwächte haitianische Justiz dazu in der Lage ist“, so der Sprecher. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen hatten gefordert, Duvalier vor Gericht zu stellen. Den ehemaligen Diktator ungestraft davonkommen zu lassen, bereite den Weg für neue Menschenrechtsverletzungen, erklärte ai. Duvalier alias „Baby Doc“ hatte im Altern von 19 Jahren 1971 die Macht von seinem Vater Francois Duvalier alias „Papa Doc“ geerbt und mit ähnlichen Terrormethoden regiert. Den beiden werden zwischen 30.000 und 60.000 Morde zur Last gelegt. Zum Markenzeichen ihrer Terrorherrschaft wurden die paramilitärischen Killerkommandos „Tontons Macoutes“. 1986 stürzte „Baby Doc“ über einen Volksaufstand, nachdem ihm die USA die Unterstützung entzogen hatten.

Autorin: Sandra Weiss