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"Europa hat die Menschenrechte vergessen"

Die Soldaten kamen im Morgengrauen und entführten den Präsidenten im Schlafanzug nach Costa Rica. Drei Jahre danach kommt Honduras noch immer nicht zur Ruhe, bis heute sind Entführungen und politische Morde alltäglich. Der gestürzte Ex-Präsident Manuel Zelaya über die Angst der Elite vor dem Volk und die politische Hegemonie in Lateinamerika.

Am 28. Juni 2009 wurden Sie von Militärs entführt und außer Landes gebracht. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Das Leben, das ich gelebt hatte, endete auf absurde Weise – im Schlafanzug auf einer Landepiste in Costa Rica. Um fünf Uhr morgens standen Soldaten vor diesem Haus und begannen zu schießen. Draußen können Sie noch die Einschusslöcher sehen. Sie brachen die Türen auf, zerrten mich in einen Wagen und fuhren mich zur Militärbasis Palmerola.

Zu der Militärbasis der US-Armee?

Ja. Von dort starteten wir in einer Maschine Richtung Süden. General Romeo Vázquez sagte mir, der Befehl habe gelautet, mich bei Gefangennahme zu erschießen. Weil sie diesen Befehl verweigerten, würden sie mich nach Costa Rica ausfliegen. Ich frage mich, wer einen solchen Befehl an den Obersten Heereschef gibt, wenn nicht der Präsident?

Sie sind dann heimlich ins Land zurückgekehrt und haben in der Brasilianischen Botschaft Zuflucht gefunden.

Das war eine harte Zeit. Die Militärs leuchteten nachts mit Scheinwerfern in die Botschaft und spielten Wagner in ohrenbetäubender Lautstärke. Sie wollten uns zwingen herauszukommen. Zunächst mit dem Einsatz von Beschallungsgeräten; ein anderes Mal mit Giftgas, das uns wie Schwindsüchtige torkeln ließ. Gerettet haben uns Brasiliens Präsident Lula und die lateinamerikanische Einheit. Anschließend war ich in der Dominikanischen Republik. Das Exil ist etwas Furchtbares. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Wie hat die Erfahrung des Putsches Sie verändert?

Ich war immer ein Ehrenmann, hatte nie ein Gerichtsverfahren anhängig. Und plötzlich befinde ich mich im Exil, werde strafrechtlich verfolgt und des Landesverrats bezichtigt. Der britische Philosoph Thomas Hobbes sagte einmal: »Der Mensch ist des Menschen Wolf«. Wenn der Mensch sich in Widersprüche verwickelt, und andere Machtgruppen auf den Plan treten, dann bricht der soziale Pakt.

Was hatte Oligarchie und Militär veranlasst, gegen Sie zu putschen?

Die Machtgruppen in Honduras genießen üppige Privilegien. Sie zahlen keine Steuern, verfügen über Monopole, besitzen Pachtverträge über 100 Jahre, sitzen auf hoch dotierten Beamtenposten. Ich wollte all das überprüfen lassen. Vor allem aber hatte die Elite Angst davor, das eigene Volk an der Macht teilhaben zu lassen, sie hat Angst vor mehr Demokratie.

Sehen Sie auch außerhalb von Honduras Urheber des Putsches? Zumindest war die US-Armee informiert.

Die Frage der politischen Hegemonie in Lateinamerika ist ein entscheidender Grund für den Putsch gewesen. Die USA glauben, dass die Freunde ihrer Feinde automatisch ihre Feinde sind. Ich denke nicht, dass die Regierung Obama in den Putsch verwickelt war. Definitiv aber einflussreiche rechte Machgruppen in den USA.

Internationale Menschenrechtsorganisationen beklagen mehr als 200 politischen Morde unter der Regierung Lobo und dass Oppositionelle »verschwinden«. Wer sind die Urheber?

Verantwortlich sind paramilitärische Verbände und die Polizei. In Honduras herrscht eine totale Straffreiheit. Seit meiner Rückkehr sind allein fünf Menschen ermordet worden, die mir nahe standen. Es ist bitter, aber wir, die Opposition, stellen derzeit die Toten, damit Honduras vorankommt.

Dieses Jahr soll das Assoziierungsabkommen zwischen Zentralamerika und Europa ratifiziert werden. Wie bewerten Sie, dass die EU eigens dafür den umstrittenen Präsidenten Lobo anerkannt hat?

Europa hat die Menschenrechte vergessen. Die Demokratie in Honduras war ihnen nicht viel wert, als es darum ging, Handelsverträge zu zeichnen. Die Freihandelsverträge hingegen zwingen unsere Bauern mit subventionierten Landwirtschaftsprodukten aus Europa und den USA in die Knie. So bleiben wir für immer eine Kolonie.

Die Europäische Union unterstützt mit 44 Millionen Euro die Reform des Justizsystems in Honduras. Warum kritisieren Sie dies?

Die bürgerliche Gesetzgebung in Honduras existiert, um das Privateigentum zu schützen, nicht etwa die Demokratie. Deswegen halte ich es für unverzichtbar, dass der Staat – auch mit internationaler Hilfe –grundsätzlich demokratisiert wird und nicht weiter für die Elite ausgebaut wird, wie dieses Programm es letztlich tut.

Herr Zelaya, was wünschen Sie sich von Deutschland und von Europa?

Europa ist die Wiege der Demokratie, die dortigen Regierungen sollten die Menschenrechte auch im Rest der Welt nachhaltig stärken. Im Diskurs tun sie dies, doch faktisch stehen Außenhandel und Ressourcensicherung an erster Stelle.

Ein Interview von Kathrin Zeiske und Øle Schmidt