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Es wird noch einmal spannend

Dilma Rousseff muss wohl doch noch ein wenig zittern. Die in der letzten Woche vor den am Sonntag stattfindenden Wahlen veröffentlichten Umfragen lassen Zweifel an einem Wahlsieg Rousseffs aufkommen. Hatte die Kandidatin der regierenden Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) noch vor wenigen Tagen zwischen 55 und 57% der Stimmen vorausgesagt bekommen, so ist ihr Vorsprung nun auf knapp 51% geschrumpft. Während die Opposition Morgenluft wittert und bereits von einem zweiten Wahlgang Ende Oktober träumt, zweifeln Regierungsvertreter die Glaubwürdigkeit der neuesten Umfragen an. Gewissheit wird man trotz täglich neuer Stimmungsbarometer wohl erst am Wahlabend haben.

Zweifel an Glaubwürdigkeit der Erhebung

Ich denke, dass die Stimmung ein wenig umgeschlagen ist," verkündete Fernando de Barros e Silva am Mittwoch auf TV Globo. Der Journalist von Brasiliens wichtigster Zeitung "Folha de S. Paulo" kommentierte neue Umfragewerte für Dilma Rousseff, die danach auf unter 50% abgerutscht war. Die Umfrage war vom an die Folha angeschlossenen Wahlforschungsinstitut Datafolha veröffentlicht worden, was auf Seiten der Regierung Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Erhebung hervorrief. Gehört die Folha doch zu den schärfsten Kritikern der Regierung von Staatschef Luiz Inacio Lula da Silva und hatte in den letzten Wochen verstärkt die Regierung attackiert und dabei immer neue Korruptionsskandale ans Licht der öffentlichkeit gebracht.

Schwemme divergierender Zahlen

Bestätigt wurde die Vermutung der Regierung durch andere Umfragen, welche Dilma immer noch ein komfortables Polster jenseits der am Sonntag benötigten 50% geben. Angesichts der Schwemme von divergierenden Zahlen haben es viele politische Analysten bereits aufgegeben, eine Prognose für den Wahltag zu wagen. So resümierte Cristina Lobo, die Chef-Politologin von TV Globo, knapp: "Die PT glaubt, dass die Umfrage vom IBOPE (Institut) richtig ist, die PSDB (Oppositionspartei) glaubt, dass Datafolha Recht hat. Wir müssen nun auf das Ergebnis der Urnen warten um Gewissheit zu bekommen."

Stimmenzuwachs für Marina Silva

Eindeutig ist jedoch, dass die dritte im Bunde, die Grünen-Kandidatin Marina Silva, in den letzten Tagen mächtig an Stimmen gewonnen hat. So liegt sie derzeit bei 15% und hat damit ihren Stimmenanteil innerhalb weniger Wochen nahezu verdoppelt. Dabei hat sie massiv von Dilma Rousseffs Verlusten profitiert. Doch das wird kaum reichen um den - seit einer gefühlten Ewigkeit bei 28% dümpelnden - PSDB-Kandidaten Jose Serra noch vom zweiten Platz zu verdrängen. Sollte es also tatsächlich zu einem zweiten Wahlgang kommen, so darf man sich auf weitere drei Wochen Wahlkampf zwischen Dilma Rousseff und Jose Serra freuen.

Sanfter Serra: Kritik aus eigenen Reihen

Serra muss sich derweil aus den eigenen Parteireihen scharfe Kritik an seinem Wahlkampf gefallen lassen. Nicht hart genug sei er gegen die Regierung vorgegangen, meint man in der PSDB. Trotzdem vermied er es auch bei der letzten Fernsehdebatte am Donnerstagabend, frontal die Regierung Lula, und damit Dilma Rousseff, anzugreifen. Stattdessen lobte der PSDB-Kandidat die Errungenschaften Lulas, wohl in der Gewissheit, dass jedweder Angriff auf den populärsten Präsidenten der brasilianischen Geschichte reiner Selbstmord wäre. Kommt es jedoch zu einem zweiten Wahlkampf, so wird Serra alles daran setzen Dilma Rousseffs Image von dem ihres populären Ziehvaters Lula abzulösen und ihre Führungskompetenz in Zweifel zu ziehen.

Auch gegenüber Marina Silva zeigte sich Serra in der TV Globo Debatte äußerst freundlich. Hofft er doch, dass die von den Korruptionsskandalen abgeschreckten PT-Wähler zur Grünenpolitikerin überlaufen und Dilma damit unter die 50%-Marke drücken werden. Noch ist zwar vollkommen offen wem die ehemalige Umweltministerin Marina Silva in einem eventuellen zweiten Wahlgang ihre Unterstützung zusagen würde. Bekannt ist jedoch, dass Dilma Rousseff verantwortlich für Silvas Austritt aus der Regierung Lula war. Sollte Marina Silva tatsächlich Jose Serra unterstützen, ist der sicher geglaubte Wahlsieg Dilma Rousseffs ernsthaft gefährdet.

Alarmglocken in der PT-Wahlkampfzentrale

So schrillten in der PT-Wahlkampfzentrale bereits die Alarmglocken. Besonders unter den religiösen Wählern hatte man einen Rückgang der Zustimmung für Dilma ausgemacht. Grund hierfür waren wohl Gerüchte über ihre Zustimmung zur Homo-Ehe und der Legalisierung der Abtreibung. So organisierte Dilma eiligst ein Treffen mit Vertretern verschiedenster Kirchen und versicherte, dass an den Gerüchten nichts dran sei. Im Gegenzug erhielt sie vom Gründer der evangelikalen Universalkirche, Edir Macedo, die Zusage, dass die Millionen Anhänger der Universal hinter ihr stehen würden. Ob das reichen wird um am Sonntag die 50% Hürde zu nehmen und als erste Frau ins höchste Staatsamt zu kommen? Es wird noch einmal spannend.

Autor: Thomas Milz