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"Es wird einen Nationalen Krankenhaus-Streik geben"

Dr. Dany Golindano (r.) und die Ärzte des Krankenhauses "Jose Maria Vargas" in Caracas demonstrieren gegen die Zustände im Gesundheitssystem. Foto: Tobias Käufer
Dr. Dany Golindano (r.) und die Ärzte des Krankenhauses "Jose Maria Vargas" in Caracas demonstrieren gegen die Zustände im Gesundheitssystem. Foto: Tobias Käufer

Wie beschreiben Sie die aktuelle Situation des Gesundheitswesens in Venezuela?

Golindano: "Medicos para la salud" (Mediziner für die Gesundheit) erhebt seit vier Jahren auf nationaler Ebene Daten über Krankenhäuser in Venezuela. Wir haben in nahezu jedem venezolanischen Krankenhaus ein Mitglied, das sehr genau hinschaut, wie die aktuellen Zustände sind. Die Daten zeigen, dass sich die Krise jedes Jahr noch einmal verschärft. So haben wir feststellen müssen, dass inzwischen 50 Prozent aller Operationsmaterialen im gesamten Land komplett fehlen. Mehr als 5.000 Operationssäle sind außer Betrieb. Ähnlich katastrophale Zahlen gibt es bei den Röntgengeräten. Das sehen wir mit großer Besorgnis.

Können Sie die Berichte von Hilfsorganisationen bestätigen, dass auch Medikamente fehlen?

Es fehlt uns vor allem an Antibiotika. Es gibt in den Krankenhäusern zahlreiche Todesfälle, die mit Antibiotika zu verhindern wären. Besonders dramatisch ist das, wenn Patienten nach Operationen Entzündungen bekommen und die Ärzte dann keine Medikamente für die Behandlung haben. Darüber hinaus sind die Zustände in den Sälen, in denen überhaupt noch operiert werden kann, schlecht. Wir Ärzte können den Patienten nicht so helfen wie es sein müsste.

Es gibt Berichte, dass zahlreiche Hilfsorganisationen mit Medikamentenlieferungen helfen wollen. Aber die Regierung blockiert diese Hilfe...

Präsident Nicolas Maduro und das Außenministerium haben vor zwei Monaten zugesagt, dass sie humanitäre Hilfe ins Land lassen wollen. Leider haben wir davon bislang noch nicht einen Prozent gesehen.

Darüber hinaus ist das Thema auch politisch aufgeladen. Denn wenn die Regierung akzeptiert, dass ihr andere Länder helfen, dann gesteht sie gleichzeitig auch ihre Unfähigkeit ein. Das Problem ist: Wenn das Gesundheitsministerium behauptet, dass alle Krankenhäuser zu 100 Prozent einsatzfähig seien und die Patienten behandelt werden können, die Regierung aber gleichzeitig Hilfe aus dem Ausland zulässt, dann widerspricht sie ihren eigenen Aussagen.

Was sind die Ursachen für die massiven Probleme im Gesundheitswesen?

Wir haben jetzt seit 18 Jahren eine Regierung, die von Chavisten geführt wird. In dieser Zeit haben wir bislang 19 Gesundheitsministerinnen und Minister gehabt also mehr als einen pro Jahr. Leider wurde dieses Ministerium gerne dazu benutzt, um unliebsame Minister auf diesen Posten abzuschieben. Viele Minister hatten Probleme mit Korruptionsermittlungen. Hinzu kommt, dass interne Kritik sehr gefährlich ist. Werden innerhalb der Krankenhäuser die Missstände angesprochen, dann ist es oft vorgekommen, dass nicht die Zustände verbessert wurden, sondern diejenigen gehen mussten, die den Mut hatten, die Probleme offen anzusprechen. Die Opfer dieser Repression waren und sind einfache Arbeiter, das Gesundheitspersonal, aber auch medizinische Spezialisten.

Heute gibt es in Venezuela nicht nur Repression auf der Straße, sondern auch in den Ministerien und in den Behörden. Das macht eine Verbesserung der Zustände fast unmöglich. Wenn die Leute die Wahrheit sagen, laufen sie Gefahr, ihren Job zu verlieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Gesundheitssystems?

Die Lage wird jeden Tag dramatischer und kritischer. In einigen Provinzen gibt es deshalb Streiks, um auf die katastrophale Lage aufmerksam zu machen. Dort sind nur noch die Notaufnahmen in Betrieb. Ich glaube, dass alles auf einen Nationalen Streik in den Krankenhäusern hinauslaufen wird. Das bisherige System ist gescheitert. Wenn wir mit diesem System und diesem Regime weitermachen, sehe ich für die Zukunft schwarz.

Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir uns weiter für eine umfassende Reform des Systems einsetzen. Das sind wir unseren Patienten schuldig.

Das Interview in Caracas führte Tobias Käufer.

Einblick in das Krankenhaus "Jose Maria Vargas" in Caracas:

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