Haiti |

"Es waren die längsten Stunden in meinem Leben"

Es waren die längsten Stunden in seinem Leben. Als er am Freitag seine ersten Interviews gibt, steckt Hermes Peñaloza noch immer in den staubüberzogenen Kleidern vom Dienstag, dem Moment, als die Erde in Haiti anfing zu beben. Der 45jährige Kolumbianer war da gerade in seinem Büro am Sitz der UNO in Port-au-Prince, in einem Gespräch mit zwei jordanischen Offizieren, um über die Logistik für die für den 28. Januar geplanten Parlamentswahlen zu sprechen. „Ich schaffte es, mich unter einen Schreibtisch zu werfen, bevor die Decke niederstürzte und es dunkel wurde“, erzählt er. Ein paar Schränke, die sich quergelegt hatten, sorgten für etwas Raum und Sauerstoff.

„Es war stockfinster. Ich konnte einen der Jordaner höre, wie er jammerte und um Hilfe rief, dann wurde es still“, schildert, Peñaloza. Jetzt weiss er, dass die Betonteile dem jordanischen Kollegen die Beine zerquetschten und der Offizier ebenso wie viele andere Kollegen das Beben nicht überlebte. Zwei schafften es, sich durch die Trümmer einen Weg nach draußen zu bahnen. Aber die Stunden gingen vorüber, Peñaloza spürte mehrere Nachbeben, kämpfte gegen den Schlaf, den er noch mehr fürchtete als die dunkle Einsamkeit. „Ich habe gehofft und gebetet“, erzählt er. Endlich hörte er Stimmen, Motorsägen, alles hüllte sich in Staub, und Peñaloza fürchtete, zu ersticken. Dann endlich sah er das ersehnte Tageslicht und gelangte in die Freiheit. Draußen applaudierten ihm Rettungsleute, Journalisten, Passanten. Da verlor Peñaloza die Fassung und brach in Tränen aus – wegen der vielen Freunde und Kollegen, von denen er wusste, dass sie nicht so viel Glück gehabt hatten, und wegen des Anblicks der totalen Zerstörung um ihn herum.

Kaum noch Hoffnung, Menschen lebendig zu bergen

Insgesamt 70 Menschen haben die Rettungsmannschaften aus der ganzen Welt in den vergangenen Tagen aus den Trümmern gerettet: Kinder, schwangere Frauen, junge Männer, Greise. Doch nun, fast eine Woche nach dem Beben, besteht kaum noch Hoffnung auf weitere Wunder. „Die Priorität sind nun die Überlebenden“, sagt ein Helfer. Wegen der großen Seuchengefahr wurden die vielen Toten inzwischen in improvisierten Massengräbern vor den Toren der Stadt bestattet. Der haitianische Gesundheitsminister Alex Larsen spricht von 25.000. Befürchtet werden 100.000 Tote. Um den Verwesungsprozess zu unterbinden, werden die Leichen mit Ätzkalk bestreut. Trotzdem liegt ein betäubend-süßlicher Gestank über der brütend heißen haitianischen Hauptstadt, die noch immer einer Szene aus der Apokalypse gleicht. Schätzungsweise eine halbe Million Menschen irren durch die Straßen, auf der Suche nach Essen, Trinken, Decken. Auf der Plaza Saint-Pierre haben zehntausende ein improvisiertes Camp eingerichtet, schlafen auf Plastikplanen und Decken, kochen auf offenen Lagerfeuern, verrichten ihre Notdurft unter freiem Himmel. Viele Verletzte warten vor den völlig überlasteten Krankenstationen auf ärztliche Betreuung. Die Krankenhäuser wurden inzwischen dank der internationalen Hilfe mit Medikamenten und Verbandsmaterial ausgestattet; 30.000 Essensrationen wurden der Regierung zufolge am Samstag verteilt – ein Tropfen auf den heißen Stein.

Hilfsgüter stauen sich am Flughafen

Die internationale Hilfe kommt zwar an, staut sich aber am Flughafen von Port-au-Prince. Mehr als 200 Flugzeuge haben Rettungsgüter inzwischen abgeliefert, doch viele Straßen sind weiterhin unpassierbar, es fehlt an Fahrzeugen und an Benzin, um die Güter zu verteilen. Hungrige Menschen suchen Reis, Wasser oder graben mit Schaufeln, Steinen oder Hämmern in den Ruinen früherer Supermärkte nach Lebensmitteln und Kleidern. Journalisten und Helfer werden alle paar Meter nach Essen gefragt.

Die UN-Blauhelme beschränken sich darauf, die Wege für die Rettungskonvois freizumachen. Doch die Lage ist von Stunde zu Stunde kritischer, eine vorübergehende Einstellung der Konvois wird erwogen. Auch die Organisation, die mit 9000 Angestellten vor Ort war, hat rund 100 Opfer zu beklagen, darunter den Leiter, seinen Vize und den Polizeichef der Mission.

„Haiti ist dramatischer als der Tsunami in Asien, denn die gesamte Regierungs- und Verwaltungsstruktur ist zerstört”, sagte die UN-Koordinatorin für Humanitäre Hilfe, Elisabeth Byrs. Wie zur Bestätigung gingen nun auch noch die Ruinen des Justizpalastes in Flammen auf und verbrannten tausende von Akten. Zerstört ist auch der weiße Präsidentenpalast, der Putsche und Revolten überstanden hat. Präsident René Préval ist in eine benachbarte Polizeistation umgezogen und hält dort Ministerräte auf Plastikstühlen ab. Doch viel mehr als Presseerklärungen kommen dabei nicht zustande. Bisher wurde noch nicht einmal der nationale Notstand ausgerufen. Es werde erwogen, die Stadt zu evakuieren und Lager einzurichten, gibt Innenminister Antoine Bien-Aimé zu Protokoll. Wer das Ganze wie bewerkstelligen soll, sagte er nicht. Von ersten Streitigkeiten wird berichtet zwischen den haitianischen Funktionären und den internationalen Helfern, darüber, wer welche Funktionen übernimmt, wer die Koordination leitet, welches die Prioritäten sind. US-Außenministerin Hillary Clinton, die am Samstag eine kurze Stippvisite auf dem von US-Soldaten kontrollierten Flughafen von Port-au-Prince machte, versuchte zu beschwichtigen: „Wir werden die haitianische Regierung unterstützen, nicht sie ersetzen“, sagte sie.

Autorin: Sandra Weiss

Papst Benedikt ruft zu Hilfe und Gebet auf

Papst Benedikt XVI. hat erneut zu internationaler Hilfe für das vom Erdbeben verwüstete Haiti aufgerufen. Unterdessen treffen in dem Karibikstaat immer mehr Mitarbeiter und Hilfsgüter kirchlicher und anderer Hilfswerke ein. Auch deutsche Bistümer beteiligen sich mit Spenden an der Hilfskampagne für die Erdbebenopfer.

Über seinen Botschafter in Haiti verfolge er die Lage unmittelbar, sagte der Papst am Sonntag im Vatikan. Er lobte die Arbeit der karitativen Organisationen und rief zum Gebet auf - für die Verwundeten, die Obdachlosen und für alle, die auf so tragische Weise ihr Leben verlosen hätten. "Empfehlen wir Gott die Opfer der Erdbebenkatastrophe und helfen wir selbst nach Kräften mit", sagte Benedikt XVI. wörtlich.

Erste Hilfslieferungen der deutschen Werke

Das katholische Hilfswerk Misereor brachte unterdessen erste Hilfslieferungen auf den Weg. Von der Dominikanischen Republik aus werden mit Beteiligung örtlicher Partnerorganisationen Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente ins Katastrophengebiet transportiert, wie Misereor am Sonntag in Aachen mitteilte. Da der Flughafen der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince immer noch überlastet sei, spiele die benachbarte Dominikanische Republik weiterhin eine zentrale Rolle für die Hilfsaktionen.

Caritas international erklärte in Freiburg, trotz schwierigster Bedingungen vor Ort, laufe die Hilfe "auf Hochtouren". So seien die Bestände von drei Materiallagern bereits verteilt, darunter auch Decken und Zelte. Aus der Dominikanischen Republik seien Lebensmittelpakete des internationalen Caritas-Netzwerks für 50.000 Menschen auf dem Weg nach Haiti. "Es gibt weder Trinkwasser noch Lebensmittel noch Notunterkünfte", berichtete ein Caritasmitarbeiter. Nach wie vor lägen Tote auf den Straße, die Krankenhäuser seien übervoll.

Auch der Salesianer-Orden berichtete von anhaltend katastrophalen Zuständen in der Hauptstadt. "Tausende Menschen irren durch die Straßen. Sie schlafen auf den Straßen und auf den Bürgersteigen, wo die Toten verwesen", zitierte das Bonner Hilfswerk Don Bosco Jugend Dritte Welt einen Salesianerpater. Sämtliche Schulen und Zentren für Straßenkinder des Ordens seien zerstört, bis zu 500 Kinder ums Leben gekommen. Der Orden habe einen ersten Hilfskonvoi in der Dominikanischen Republik auf den Weg gebracht.

Ein medizinisches Team des Malteser Hilfsdienstes begann am Sonntag die Arbeit in einem teils zerstörten Krankenhaus in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Zugleich machte sich von Deutschland aus ein zweites Team auf den Weg, wie die Malteser in Köln mitteilten. Insbesondere in der Grenzregion zur Dominikanischen Republik seien die Krankenhäuser mit Erdbebenopfern überfüllt. Dort planen die Malteser weitere Hilfen.

Mitarbeiter der Johanniter-Unfallhilfe übergaben einem Krankenhaus der Hauptstadt eine Lieferung mit dringend benötigten Medikamenten, Sterilisationstechnik, Verbandsmaterial und chirurgischen Geräten. Mit dem Material könnten 10.000 Menschen drei Monate lang versorgt werden, teilten die Johanniter in Berlin mit.

Die Hilfsorganisation CARE Deutschland-Luxemburg wies auf die besonderen Gefahren für Mütter in Haiti hin. "Schwangere Frauen, stillende Mütter und kleine Kinder sind jetzt besonders gefährdet", sagte CARE-Vorsitzender Heribert Scharrenbroich. Unter den Betroffenen des Erdbebens seien etwa 37.000 schwangere Frauen. An sie verteile man jetzt neben Lebensmitteln auch Pakete mit Windeln, Seife, Kleidung und Babypulver.

Das Erzbistum Köln und das Bistum Limburg stellten jeweils 100.000 Euro als Soforthilfe für Haiti bereit. Der Kölner Kardinal Meisner und der Limburger Bischof Franz Peter Tebartz-van-Elst riefen die Menschen zudem zu Spenden an Hilfsorganisationen auf. In Limburg ist für kommenden Sonntag eine Sonderkollekte für die Erdbebenopfer geplant.

Quelle: kna