Argentinien |

"Es ist der Mut, mit dem der Weg beginnt"

Regisseurin Viviana Uriona spricht mit ihrem Dokumentarfilm ein großes Problem an. Foto: privat/Uriona
Regisseurin Viviana Uriona spricht mit ihrem Dokumentarfilm ein großes Problem an. Foto: privat/Uriona

Kleinbauern und Indigene in Argentiniens Norden wehren sich gegen Großgrundbesitzer und Landraub. Der Dokumentarfilm "Ohne Rast. Ohne Eile." des Filmemacher-Kollektivs "Kameradistinnen" zeigt diesen Kampf gegen die vorrückende Soja-Front. Blickpunkt Lateinamerika sprach mit Regisseurin Viviana Uriona.

Den Titel deines Films "Ohne Rast, ohne Eile" haben Sie gewählt, weil ...?

Es ist ja nicht mein Film, sondern ein Film der Gruppe der Kameradistinnen. Der Titel des neuen Films ist, wie schon bei unserem ersten Kinofilm "Sachamanta", der auch vom Widerstand gegen Landraub handelt, erneut aus dem Material selbst entstanden. Als wir es sichteten, bemerkten wir, dass die Menschen, deren Leben wir gefilmt hatten, immer wieder eine bestimmte Formulierung verwendeten: "Sin prisa pero sin pausa." So hatten wir also einen spanischen Titel. In der englischen Version wurde daraus "No Rest. No Haste." Und für die deutsche Version fanden wir, dass "Ohne Rast. Ohne Eile." eine passende Übersetzung ist.

Wer sind die Kameradistinnen?

Die Kameradistinnen sind eine freie Assoziation für Dokumentarfilm und Fotografie. Wir versuchen mit unserer Arbeit an der Schaffung von Gegenöffentlichkeit mitzuarbeiten. Wir versuchen also solche Geschichten zu transportieren, die zwar ein relevanter Teil der politischen Wirklichkeit sind, aber die in den Produktionen des Mainstreams keine Chance haben, erzählt zu werden. Ich glaube, der US-amerikanische Vordenker Noam Chomsky hat sinngemäß gesagt, dass im 21. Jahrhundert der Kampf um das Politische vor allem ein Kampf um die Wahrnehmung von Realität ist. Es ist ja real, dass Indigene im Nirgendwo des argentinischen Buschlandes eine autonome Universität errichtet haben. Doch dieses wunderbare Stückchen Realität kann nicht wirkmächtig werden für die sozialen Kämpfe Europas, wenn es nicht wahrgenommen wird. Also haben wir es erzählt. Jetzt läuft es im Kino. Jetzt können sich Menschen in Europa fragen: Wenn die das können, was machen wir hier morgen? Es geht uns also vor allem darum mit dieser Haltung andere Menschen anzustecken.

Warum interessiert uns in Deutschland überhaupt ein Film über den Kampf von Bäuerinnen und Bauern im fernen Argentinien?

Abgesehen davon, dass "Ohne Rast. Ohne Eile." eine spannende Geschichte erzählt, ist es ja auch eine universelle. Die indigenen Bauern wehren sich mit großem Erfolg gegen die Auswirkungen der argentinischen Freihandelspolitik. In Deutschland und Europa haben wir es gerade mit den internationalen Freihandelsabkommen TTIP und CETA zu tun. Es sollte uns also interessieren, wie die Menschen in der Ferne ihren Widerstand organisieren können, weil wir hier dann bei uns vor der Haustür nicht Fehler machen müssen, aus denen sie schon für uns gelernt haben. Wir müssen ihnen nur zuhören.

Wie kann ich hier und heute den Campesinos im Chaco helfen?

Computer werden gebraucht. Überhaupt Technik. Und jeder Mensch, der Ahnung von Technik hat und anpacken kann, ist dort gern gesehen. Trotz Solarzellen ist die Stromversorgung immer noch ein Problem. Es gibt viele offene Aufgaben. Ich will aber auch sagen, dass ich den Begriff der "Hilfe" zugleich hochproblematisch finde. Das große Problem ist leider, dass es bis tief in linke und progressive Kreise eine Art eurozentristische Überheblichkeit gibt. Viele betrachten Lateinamerika und andere Regionen ausschließlich als Erdteile, denen geholfen werden muss, nicht etwa als Erdteile, dessen Menschen uns hier in Europa und Deutschland helfen könnten. Vielleicht ist es so, dass die Frage, wer von wem lernen könnte, ausgerechnet anhand zweier entwicklungspolitischer Aspekte beantwortet wird, die hierzulande gleichzeitig zu Recht vehement kritisiert werden: Die Ausmaße von Wachstum und Konsum. Warum messen wir die Helferfrage nicht an den Ausmaßen von erfolgreichem Widerstand und pfiffigen Organisationstalent? Denn dann können wir hier von denen dort eine Menge lernen. Das Beste wäre also vermutlich, wir fangen mal damit an, uns gegenseitig zu helfen.

Landlose und Campesinos in Südamerika, das zeigt auch der Film, sind Opfer von Gewalt, Vertreibung, Auftragsmord. Warum hat diese Gewalt noch keine Gegengewalt erzeugt?

Zum Glück wenden die Campesinos in Argentinien Gewalt an. Aber eben eine Gewalt ohne Waffen und eine maßvolle Gewalt. Es schwierig und sehr gefährlich, ohne Waffen gegen jemanden zu kämpfen, der selbst bewaffnet ist. Aber genau das geschieht dort. Wenn hundert unbewaffnete Menschen vor zwei oder drei Bewaffnete treten und sie äußerlich furchtlos auffordern, die Waffen abzulegen, dann zwingen sie die anderen, sich zu entscheiden: "Ihr könnt nicht alle von uns schnell genug töten! Und wenn eure Munition aufgebraucht ist, bezieht ihr ordentlich Prügel. Also überlegt es euch besser und legt eure Gewehre auf den Boden!" Auch wenn sie die Zäune der Landräuber durchschneiden und abbauen, wie das der Film dokumentiert, ist das Gewalt. Gewalt gegen Gegenstände, wie es hierzulande heißt. Diese nicht-gewaltfreien Aktionen sind dennoch untypisch. Denn normalerweise ist Gewalt dazu geeignet, Gewalt zu säen. In diesem Fall aber nicht. Die Gewalt der Campesinos hat etwas Deeskalierendes, weil sie immer geringer dosiert ist als die Gewalt der Gegenseite. Das ist ungewöhnlich und hat wohl mit dem tiefen Bekenntnis der Bewegung zum Leben und zur Natur zu tun. Sie beschützen nämlich nicht allein sich selbst. Sie wollen die Erde und das Leben beschützen. Und auch, wenn darüber Leute hier lächeln mögen: Es funktioniert. Die Bewegung wird größer. Sie wird stärker. Und sie wird internationaler.

Kann ein Film wie deiner die Welt vielleicht ein Stück verbessern?

Unser Film wird die Welt nicht besser machen. Nur die Menschen können die Welt besser machen. Aber es kostet sehr viel Mut, überhaupt anzunehmen, dass die Welt geändert werden kann. Und nicht alle Menschen sind mutig. Viele verstecken ihre Feigheit hinter einem aufgesetzten Zynismus oder einer profunden Kenntnis für die Hindernisse auf dem Weg in eine andere Zukunft oder hinter einer traurigen Aggressivität. Aber eigentlich geht es wirklich nur um Mut. Alles andere wie Organisation, Lernen, Erkenntnis, Selbstkritik und Weisheit, das entsteht alles auf dem Weg. Aber es ist der Mut, mit dem der Weg beginnt.

Das Interview führte Benjamin Beutler.