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"Es fängt immer mit ein paar Verrückten an"

Die Versuchung ist groß. Die Feinunze Gold wird heute an der Börse mit rund 1.580 US-Dollar gehandelt. Da fällt auch für Goldschürfer im Amazonasgebiet mehr ab, als wenn sie versuchen würden, Früchte zu vermarkten. Verseuchte Flüsse und Böden stören diejenigen nicht, die dem Goldrausch hinterherhecheln. Welche Chancen haben landwirtschaftliche Alternativen? Streiflichter einer Diskussion.

Ob es sauberes Gold gibt? César Ascorra Guanira, von Beruf Biologe und Leiter der Caritas im peruanischen Amazonas-Department Madre de Dios, korrigiert sich. „Saubereres Gold… sollte man eher sagen: Gold aus fairem Handel.“ Auf jeden Fall sei „ein Bergbau nötig und möglich, der sauberer ist“ als in der gegenwärtigen Situation.

Die Caritas setzt sich dafür ein, nachhaltige Alternativen zum Bergbau in Madre de Dios zu schaffen, zum Beispiel durch die Förderung landwirtschaftlicher Projekte. So gibt es etwa Orte wie Santa Rosa und El Progreso, wo die Menschen nur noch Mischanbau in der Landwirtschaft wollen und auf die Kakaoproduktion setzen, die „ihr Gold“ sei. Doch einfach ist das nicht. Es gibt kaum Infrastruktur, die Vermarktung braucht viele Ressourcen, die den Menschen häufig schlicht fehlen und der Staat und seine Institutionen sind nicht vorhanden. Wer von der Hand in den Mund lebt, braucht schnelles Geld.

Unter dem Tisch wird Geld eingestrichen

Der Saal im Pfefferwerk, in den die Berliner Gruppe der Informationsstelle Peru e.V. und das Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile – Lateinamerika (FDCL) eingeladen hatten, ist rappelvoll geworden, die etwas spät zu Gekommenen müssen Stühle suchen gehen. Zu Gast sind auch zwei Anwälte der peruanischen Menschenrechtsorganisation IDL. Der Mitbegründer und Direktor Ernesto de la Jara und der Koordinator des Arbeitsbereiches „Justicia Viva“, David Lovatón Palacios.

Druck auszuüben, die Korruption zu bekämpfen und dafür zu sorgen, dass der Staat seinen Aufgaben nachkommt und eben nicht durch Abwesenheit glänze, sei eines der Anliegen von IDL, erläutert Lovatón. IDL unterstützt und berät beispielsweise auch die indigenen Verbände Perus bei der Implementierung eines nationalen Gesetzes zur vorherigen Konsultation (Consulta Previa), die seit 1997 ausstand. Häufig sind es von der Landwirtschaft lebende indigene Bewohner, die Siedlern und Firmen gegenüber stehen, wenn sie sich gegen den Bergbau wehren wollen. Doch um eine Anzeige zu erstatten, wären mehrere Tagesreisen in die nächstgelegene Stadt nötig.

Der informelle Bergbau boomt, erzählt Ascorra. Rund 200.000 Menschen würden im illegalen Bergbau arbeiten, 40.000 davon allein im Department Madre de Dios. Es sei landesweit das zweitgrößte Volumen an Gold, das dort illegal gefördert wird, nur in Cajamarca werde mehr herausgeholt. Zudem nütze auch vielen Staatsbediensteten „diese Rechtlosigkeit, um unter dem Tisch Geld einzustreichen“.

Die Mär vom Kleinbergbau

Die Regierung hat nun Anfang des Jahres begonnen, gegen den illegalen Bergbau vorzugehen, sich jedoch mit halbherzigen Gesetzen den entschiedenen Protest der Minenarbeiter und –betreiber eingefangen. „Mir macht die Umsetzung dieser neuen Gesetze Sorgen“, sagt Ascorra. Der Staat habe da etwas verordnet, wofür bisher keine Mittel vorgesehen seien, erläutert er.

„Minería artesanal“ – „Kleinbergbau“, wie der informelle Bergbau oft genannt wird, sei zudem ein irreführender Begriff. Es gäbe zwar auch diejenigen Minenarbeiter, die in Kleinstgruppen und mit wenig Technik tätig werden, doch dann zitiert er aus den Gesetzen: Wer einen Tunnel gräbt, der weniger als 50 Meter lang ist, wer am Tag weniger als 2.000 Tonnen Erde bewegt, wer weniger als 20 Bohrlöcher gemacht hat, der betreibe Kleinbergbau. „Der Staat“, so das Fazit von Ascorra, „hat an dieser Stelle versagt".

Kann es denn einen Bergbau geben, der „sauberer“ ist, einen „fairen Handel“ mit Gold? Was ist den lebbar von unseren schönen Ideen?“ über die sich im Saal alle einig sind, fragt Ernesto de la Jara provokativ in die Runde. Der Stimmungspegel sinkt für einen Moment, aber César Ascorra hat eine Antwort darauf: „Wenn man heute durch deutsche Orte läuft, gibt es überall Bioprodukte und viele Leute kaufen sie. Das war auch nicht immer so. Das hat mit ein paar Verrückten angefangen. Es sind immer ein paar Verrückte, die so etwas lostreten. Genauso könnte es auch normal werden, in einen Schmuckladen zu gehen und zu fragen, woher das Gold stammt. Und nicht zu kaufen, wenn es nicht zertifiziert ist.“

Autorin: Bettina Hoyer