Argentinien |

Erstes Land in Lateinamerika erlaubt Homosexuellen-Ehe

Puebla. Es war ein Schlagabtausch epischen Ausmaßes, doch nach 16stündiger Debatte beschloss der argentinische Senat ein wegweisendes Gesetz zur Legalisierung von Homo-Ehen. Damit wird Argentinien das erste Land Lateinamerikas, das homosexuelle und heterosexuelle Paare gleich stellt. Mit knappen 33 zu 27 Stimmen endete in den frühen Morgenstunden des Donnerstag die Diskussion über das Projekt, von dem sich Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner ein Jahr vor der Wahl einen Popularitätsschub erhofft und um die Unterstützung der progressiven Mittelschicht buhlt. Das Gesetz, vorangetrieben von ihrem Mann und Amtsvorgänger. Dem Abgeordneten Nestor Kirchner, ist eines der umstrittensten des Paares: schon die Abgeordnetenkammer hatte zwölf Stunden debattiert, bevor sie ihr positives Votum abgegeben hatte.

„Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist fruchtbar, die zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ist steril, daher müssen beide unterschiedlich behandelt werden“, argumentierte etwa die Senatorin Sonia Escudero gegen die Legalisierung. „Ich habe in der Bibel keine Zeile gefunden, in der Jesus Homosexualität kritisiert“, hielt Luis Juez entgegen, ein Befürworter der Homo-Ehe. „Argentinien wird damit zum Vorreiter“, feierte Kabinettschef Anibal Ferandez um vier Uhr früh den Sieg der Regierung. Die Demokratie und die Gleichheit haben gesiegt“, begrüßte Maria Rachid, die Vorsitzende der Vereinigung der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen das neue Gesetz.

Den ganzen Mittwoch hatte es in Buenos Aires Großkundgebungen von Gegnern und Befürwortern der Maßnahme gegeben. Besonders die Katholische Kirche hatte die Gläubigen aufgerufen, sich dem „teuflischen Projekt“ zu widersetzen und „auf der Seite Gottes“ in den Krieg zu ziehen. Geistliche wie Jose Nicolas Alessio, die sich für die Homo-Ehe ausgesprochen hatten, wurden von der Kirchenhierarchie von ihrem Priesteramt suspendiert. Die Staatschefin hatte Kardinal Jorge Bergoglio vorgeworfen, in die Zeiten der Inquisition zurückzufallen

„Wir Kinder haben ein Recht auf einen Papa und eine Mama“, war auf den Transparenten zu lesen, die Kritiker vor dem Parlament in die Höhe hielten. „Die Natur ist weise und hat Mutter und Vater für Kinder vorgesehen. Das hat nichts mit der Kirche oder der Politik zu tun“, sagte eine der Demonstrantinnen. Schätzungen zufolge nahmen 50.000 Menschen an der Kundgebung teil. Kurze Zeit später versammelten sich Hunderte am Obelisken in der Innenstadt zu einem ohrenbetäubenden Konzert mit Pfeifen, Trommeln und Kochtöpfen, um so ihren Rückhalt für Homo-Ehen und Adoptionen durch homosexuelle Paare zu demonstrieren. „Wir verlangen die soziale, kulturelle und rechtliche Gleichstellung von Heterosexuellen und Homosexuellen“, so Claudio Morgado vom Institut gegen Diskriminierung.

Argentinien gilt zwar als gay-freundliches Land in Südamerika, und in der Hauptstadt Buenos Aires gibt es Dutzende von Bars und Veranstaltungsorten für Schwule und Lesben, aber die Homo-Ehe vertiefte spaltete das Land ebenso wie den Kongress. Umfragen zufolge sind zwischen 30 und 46 Prozent gegen und zwischen 39 und 68 Prozent für die Homo-Ehe. In den beiden Parlamentskammern zersplitterte nicht nur die Opposition über diese Frage, sondern auch die Regierungspartei.

„Warum hat sich die Regierung so hinter ein Thema geklemmt, das sie jahrelang nicht interessierte und für das sie immensen Druck auf ihre Abgeordneten ausüben musste?“ fragt die Zeitung „La Nación“ in einem Kommentar. Demnach buhlt Kirchner im Vorfeld der Wahl nicht nur um Stimmen der jungen, urbanen Mittelschicht und will Geschichte schreiben, sondern hofft, die Opposition dauerhaft zu spalten. „Und es geht um eine persönliche Abrechnung zwischen Kirchner und Kardinal Bergoglio.“ Darauf deute unter anderem die Tatsache hin, dass die voriges Jahr erfolgte Legalisierung von Homo-Ehen in der Hauptstadt keinen derartigen Glaubenskrieg entfesselt hatte. Daraufhin hatten mehrere schwule Paare in Buenos Aires geheiratet, ihre Ehen wurden jedoch gerichtlich angefochten und zum Teil wieder annulliert.

Autorin: Sandra Weiss