Argentinien |

Erstes Gerichtsverfahren wegen Kindesraubes

In Argentinien wird nach 35 Jahren Kampagnenarbeit und zahlreichen juristischen Aktivitäten der Großmütter der Plaza de Mayo erstmals die Entführung von Kindern politischer Gefangener strafrechtlich verfolgt. Vor Gericht stehen zwei Ex-Präsidenten, fünf ehemalige Militärs sowie ein Arzt, der im berüchtigten Folterzentrum ESMA in Buenos Aires Geburtshilfe leistete.

"Die Apathie und Gleichgültigkeit der Angeklagten, die bei der Verlesung des Berichts der Staatsanwaltschaft schliefen, ist traurig und abstoßend zugleich", kommentierte die 91-jährige Rosa Roisinblit den ersten Verhandlungstag am 28. Februar vor einem Gericht in der argentinischen Hauptstadt. Roisinblit ist Vizevorsitzende der legendären Großmütter der Plaza de Mayo, die sich in den 70er Jahren von der ebenso legendären Menschenrechtsorganisation ´Mütter der Plaza de Mayo´ abspalteten.Die Mütter hatten zunächst versucht, eine Freilassung ihrer Kinder zu erreichen.

Seit mehr als 30 Jahren kämpfen beide Gruppen um die Aufklärung des Schicksals ihrer verschwundenen Angehörigen und um die Identifizierung ihrer entführten Enkelkinder. Den ehemaligen Diktatoren Jorge Rafael Videla (85) und Reynaldo Bignone (83) sowie den weiteren Anklagten wird vorgeworfen, 34 Kinder ihren inhaftierten Müttern weggenommen, sie festgehalten, versteckt und ihre Identität verschleiert zu haben.

Insgesamt haben 500 Jungen und Mädchen nach Schätzungen der Großmütter ein solches Schicksal erlitten. Die Zahl aller verschwundenen Argentinier geben Menschenrechtsorganisationen mit 30.000 an.

Systematischer Plan zur illegalen Aneignung von Kindern

"Wir sind sicher, dass wir beweisen können, dass wir es hier mit einem systematischen Plan zur Aneignung von Kindern zu tun haben", sagte Roisinblit, die in dem Verfahren als Klägerin auftritt. Ihre einzige Tochter Patricia war im achten Monat schwanger, als sie 1978 von Schergen der Militärdiktatur entführt wurde. Patricias Mann José Pérez wurde ebenfalls verschleppt und ermordet. Das Paar hinterließ eine 15 Monate alte Tochter, die bei den Großeltern aufwuchs. Mit elf Jahren erfuhr das Mädchen, dass es einen Bruder hat, der nach seiner Geburt im ESMA von zivilen Mitarbeitern der Luftwaffe unter falschem Namen aufgezogen wurde.

Die Großmütter haben sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, ihre Enkelkinder ausfindig zu machen, die entweder als Säuglinge oder als Kleinkinder von ihren Eltern getrennt wurden.

Angenommen wird ferner, dass etliche Kinder bei der Festnahme ihrer Eltern ermordet wurden. Von den 34 Kindern, deren Fall nun das Gericht bis zu acht Monaten beschäftigen wird, konnten nicht alle aufgespürt werden. Dies gilt für den Enkelsohn der Vorsitzenden der Großmütter der Plaza de Mayo, Estela de Carlotto.

Zu den jungen Leuten, die nach jahrelanger Suche mit ihren biologischen Familien zusammengeführt wurden, gehört die Enkelin des argentinischen Lyrikers Juan Gelman, Macarena Gelman, und der Stadtparlamentarier von Buenos Aires, Juan Cabandié. Beide waren in der ESMA entbunden worden.

Neuer Straftatbestand hebelt Amnestie aus

Der argentinische Strafbestand der illegalen Aneignung von Minderjährigen (´apropiación de menores´) wurde erst nach den Amnestiegesetzen der 80er Jahre eingeführt, die tausende von Armeeangehörigen und Ex-Kommandanten vor einer strafrechtlichen Verfolgung bewahrten. Da Aneignung und Raub von Kindern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, die bei den Amnestiegesetzen nicht berücksichtigt wurden, können die Verantwortlichen für diese Verbrechen nun doch noch zur Verantwortung gezogen werden.

Neben Videla und Bignone stehen auch der ehemalige General Santiago Riveros, der Ex-Admiral Antonio Vañek, der damalige Korvettenkapitän Jorge Acosta, der einstige Militärpräfekt Jorge Azic, der ehemalige Marineoffizier Rubén Franco und der ESMA-Arzt José Magnacco vor Gericht. Vier weitere Mitverantwortliche –Ex-Admiral Emilio Massera, der vormalige Polizeichef Juan Sasiain, der einstige Präfekt Héctor Febres und der damalige Heereschef Cristino Nicolaides – kommen nicht vor Gericht. Sie sind inzwischen verstorben.

Autorin: Marcela Valente in IPS Weltblick