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Erst Weihwasser, dann Kokablätter

Katholische sowie indigene Zeremonien gehören heutzutage bei festlichen Anlässen in Bolivien wie in Peru zum Alltag. Der Katholizismus und die indigenen Glaubenslehren respektierten sich gegenseitig, so der bolivianische Archäologe Darwin Perez Russell. Vermischt hätte sie sich dagegen wenig. Vor allem im Gebrauch der Symbole sei ein Synkretismus, eine Fusion der Religionen, festzustellen.

Und schon ist das nächste Auto dran. Es hält neben dem katholischen Priester, der vor seiner Kirche steht, eine Rose in Weihwasser taucht und es bespritzt. Nach christlichem Brauch ist es jetzt gesegnet. Auf dem Dorfplatz fährt das Fahrzeug ein paar Meter weiter zum nächsten Stopp. Yatiri, der Schamane des indigenen Volkes der Aymara aus den bolivianischen Anden, nebelt das Auto mit aromatisiertem Rauch ein, besprenkelt es mit Bier und bewirft es mit "heiligen" Kokablättern. Eine zweite Segnung - nach indigenem Ritual.

Hunderte mit Blumen und Luftballons geschmückte Fahrzeuge - Privatautos, Taxis, Kleinbusse - bilden einmal im Jahr eine lange Blechkolonne zur Kirche in Copacabana. In der Karwoche feiert das Dorf am Titicacasee unweit der Andenstadt La Paz den Tag der Jungfrau von Copacabana. Die meisten Fahrzeuge sind neu gekauft und ihre Besitzer versprechen sich von beiden Segnungen Glück, wenige Verkehrsunfälle und eine lange Lebensdauer ihres Autos.

Fusion der Religionen

Katholische sowie indigene Zeremonien gehören heutzutage bei festlichen Anlässen in Bolivien wie in Peru zum Alltag. So beginnen etwa Taufen, Kommunionen oder Hochzeiten in der Regel "zunächst im Gotteshaus der Katholiken; draußen vor der Kirche wird der religiöse Akt durch ein indigenes Ritual ergänzt", erklärt der bolivianische Archäologe Darwin Perez Russell. Der Katholizismus und die indigenen Glaubenslehren respektierten sich gegenseitig, vermischt hätten sie sich dagegen wenig.

Vor allem im Gebrauch der Symbole sei ein Synkretismus, eine Fusion der Religionen, festzustellen. "Der Yatiri hält während einer Zeremonie meist ein Kruzifix oder einen Rosenkranz in der Hand", so Perez Russell. Bei archäologischen Ausgrabungen sei er auch schon auf Kelche der Aymara gestoßen, die nicht nur mit indigenen Zeichen, sondern auch mit einem Kreuz verziert gewesen seien.

"Gemeinsame" heilige Orte

Eine Annäherung der Indigenas an den katholischen Glauben könnte man hinter der Ortswahl ihrer Zeremonien vermuten. Auf Hügeln und Bergspitzen Boliviens, wo ein Kreuz in die Höhe ragt, schlachten Indigenas für die Opfergabe an die Pachamama, die Mutter Erde, ein Lama. Nahe den Kirchen verbrennen sie laut Ritual Kokablätter und Kräuter.

Die "gemeinsamen" heiligen Orte sind letztlich ein Produkt der brachialen spanischen Christianisierung vor rund 500 Jahren. "Die Spanier sahen die Rituale der Urbevölkerung als eine Teufelsanbetung an", erklärt Perez Russell. So verboten sie den Aymara ihre Zeremonien, zerstörten ihre Tempel und bauten darüber Kirchen; auf den Hügeln errichteten sie Kruzifixe. "Die Indigenas haben aber nie aufgehört, an ihre heiligen Stätten zu pilgern - bis heute."

Viele Ähnlichkeiten

Die Aymara glauben an mehrere Gottheiten, etwa an die Mutter Erde, die Sonne und an den Mond. In den Hügeln und Bergen leben die Seelen ihrer Ahnen. "Es finden sich viele Ähnlichkeiten zwischen der indigenen und katholischen Religion", sagt Perez Russell. "Du darfst nicht lügen, stehlen, töten, sind zum Beispiel die drei Gebote der Aymara." Die Sonne könne dem christlichen Gott gleichgestellt werden, die Leben spendende Pachamama der Jungfrau Maria und die Berge den Heiligen.

Dieser Parallelismus habe dazu beigetragen, dass sich heute die Mehrheit der Indigenas auch zum Katholizismus bekenne und beinahe alle nicht-indigenen Bolivianer zugleich an die Götter der Urbevölkerung glaubten und indigene Riten abhielten.

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich der weiße Stadtbewohner in La Paz von einem Yatiri aus den Kokablättern die Zukunft lesen lässt oder bei schwerer Krankheit den Schamanen zu sich nach Hause ruft. Für eine gute Gesundheit und für Fruchtbarkeit schütte außerdem jeder Bolivianer "nach dem Anstoßen ein bisschen Bier oder Wein auf den Boden - zu Ehren der Pachamama", so Russell.

Autorin: Camilla Landbö, KNA