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Energie-Revolution per Stromrechnung

Nichts ist in Venezuela so billig wie Energie. Zwei US-Cent kostet Privatkunden eine Kilowattstunde Strom, mit Argentinien die niedrigsten Strompreise in ganz Südamerika. Niemand mit Steckdose im Haus musste sich Sorgen um die Stromrechnung machen. Neue Energiespargesetze sollen mit Verschwendung nun Schluss machen.

»CORPOELEC informiert alle Stromnutzer, dass es sich aufgrund des exzessiv gestiegenen Stromverbrauchs und der vorübergehenden Nichtverfügbarkeit verschiedener Erzeugungsanlagen dazu gezwungen sieht, den Service zu unterbrechen«. Mit diesem Hinweis kündigte die staatliche Energiefirma am Dienstag im Bundestaat Lara einen »zeitweisen« und knapp drei Stunden langen Stromstopp an. Seit im Sommer 2009 erstmals der Strom knapp geworden ist, sind die Blackouts für viele Venezolaner längst Routine. In nie gesehenem Tempo hatte das Wetterphänomen »El Niño« damals zugepackt und die mächtigen Staudämme der Karibiknation trocken gelegt. Mit einem Schlag war im erdölreichsten Land der Welt Energie aus der Steckdose Mangelware.

Grüner Musterschüler ohne Wasser

Dabei ist das 28-Millionen-Einwohnerland in Sachen Erzeugung erneuerbarer Energien längst ein globaler Musterschüler, von dem sich die fossilen Industrieländer eine Scheibe abschneiden können. Statt aus schmutziger Kohle, Gas oder Atomkraft deckt das Karibikland, in dem über 95 Prozent der Haushalte einen Stromanschluss haben, schon heute mehr als 70 Prozent seines Strombedarfs aus sauberer Wasserkraft. Doch hat das Extrem-Wetter zuletzt für große Probleme gesorgt. Die monatelange Rekord-Dürre von 2009 hatte den drittgrößten Megastaudamm der Welt, die »Central Hidroeléctrica Simón Bolívar« mit einer Leistung von 10 200 Megawatt kurzerhand aufs Trockene gelegt. Die riesigen Turbinen der für die Hälfte der nationalen Stromversorgung verantwortlichen Generatoren mussten abgeschaltet werden.

Verschlafener Appetit auf Strom

Venezuelas Energiehunger ist im Gleichschritt mit dem rasanten Wirtschaftswachstum der zurückliegenden Jahre immer größer geworden. Mehr zahlungskräftige Haushalte und die Industrie schluckten jedes Jahr sechs Prozent zusätzlich. Ab 2003 verdoppelte die Linksregierung das Inlandsprodukt, nachdem der Streik der Chávez-Gegner in der verstaatlichten Erdölfirma PDVSA beendet war, die Armut halbiert und die Arbeitslosigkeit von elf auf sieben Prozent sank. Caracas verschlief allerdings den dringend nötigen Ausbau der über 20 Jahre alten Blockheizkraftwerke für den Notfall und Reparaturen an Wasserkraftwerke wie die »Planta Pedro Camejo«, die nur auf halber Kraft laufen.

Wirtschaftsschaden durch Energiemangel?

Ende 2009 rief Präsident Hugo Chávez den »Energie-Notstand« aus. In allen Landesteilen mit Ausnahme der Hauptstadt Caracas wurde bis zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni 2010 regelmäßig der Stecker gezogen. Für die Chávez-Regierung war das ein relativer Image-Schaden. Die Opposition hingegen machte mit der »Energiekrise« mehr schlecht als recht Kampagne für die Parlamentswahlen im September 2010. Für die auf Hochtouren laufende Wirtschaft waren die Ausfälle allerdings ein veritabler Bremsklotz. Nach Angaben der »Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik« (CEPAL) der Vereinten Nationen war die Strom-Rationierung für das produzierende Gewerbe - neben Weltwirtschaftskrise und ölpreis auf Sinkflug - eine der Hauptgründe für die Kontraktion nach sechs Jahren stetigen Wachstums. Rund drei Prozent war die Wirtschaftsleistung im Katastrophenjahr 2009 zurückgegangen.

Stromverschwendung wie nirgends in Südamerika

Offiziellen Angaben zufolge hat die Chávez-Administration immerhin 7 582 Megawatt mehr ans Stromnetz gebracht. Vorgängerregierungen kamen von 1989 bis 1999 nur auf 2 945 Megawatt. Doch auch wenn die Wachstumsraten heute wieder leicht nach oben zeigen, dem Energieproblem soll nicht nur mit mehr Kraftwerken begegnet werden. »Venezuela befindet sich mit 14 Prozent über dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch für Strom in der Region, verglichen mit Brasilien, Argentinien, Chile und Kolumbien«, sagt Alí Rodríguez, Chef des neu gegründeten Ministeriums für elektrische Energie. »Das ist eine Tatsache die sich ändern muss.« Rodríguez verweist auf den Verbrauch von monatlich 17 000 Megawatt, der noch im Januar bei 15 000 Megawatt lag. Zwar werden dieses Jahr weitere 2 173 Megawatt ans Stromnetz gehen, die Hochphase der Industrie Ende des Jahres aber lasse einen Gesamtbedarf von über 18 500 Megawatt im Monat erwarten. Der Minister befürchtet neue Engpässe.

Resolution 77 gegen Eiszeit im Büro

Um der beklagten Energieverschwendung im Land Einhalt zu gebieten, wurde im Juni erstmals in der Geschichte des Landes ein Energiespargesetz verabschiedet. Es richtet sich - bei gleichbleibendem, staatlich subventioniertem Strompreis - an alle Konsumenten: öffentliche Hand, Privatwirtschaft und Haushalte. Resolution 77, die die Sparmaßnahmen öffentlicher Stellen »beispielhaft« regelt, ruft zum »rationalen und effizienten Gebrauch elektrischer Energie« auf. Verbesserte Energieeffizienz ist vor allem Verhaltensänderung und Kopfsache. Es gelte eine »Kultur des angemessenen Ressourcenverbrauchs« zu fördern, heißt es in der Norm. In Staatsbetrieben und Behörden werden »Elektrizitätsverwaltungsgruppen« gebildet. Das Maßnahmenpaket deckt auf, wie sorglos in der Karibik bisher mit Energie umgegangen wird.

Bürotemperatur auf Eiszeit ist ab jetzt vorbei, weniger als 24 Grad Celsius gekühlte Raumtemperatur sind verboten. Eine Stunde vor Feierabend müssen die Klimaanlagen ausgestellt werden, erst eine Stunde nach Arbeitsbeginn dürfen sie wieder neu laufen. Computer, Bildschirme, Drucker, Kopierer, Kaffeemaschinen, Radios, Ladegeräte, Video- und Audioanlagen: Dem gesamten Gerätepark zeitgenössischer Büroarbeit muss nach Arbeitsende der Stecker gezogen werden, statt auf »Stand bye« weiter am Saft zu hängen.

Energie-Siegel für 10-Prozent-Stromsparer

Auf technischer Ebene ist Modernisierung angesagt. Bei der Überprüfung von Stromfressern wie alten Klimaanlagen, Kühlsystemen, Wasserpumpen, Aufzügen, Transport, Bürotechnik stehen Experten des Energieministeriums und CORPOELEC beratend zur Seite. Daneben wird angeordnet, alte Geräte gegen Material mit besserer Energieeffizienz auszutauschen. Erstmals auch wird systematisch Buch geführt über den »tatsächlichen Verbrauch und Bedarf« im Staatsapparat. In Verwaltungsgebäuden mit Publikumsverkehr gilt es Drehtüren einzubauen, um den verschwenderischen Wärmeaustausch zu verhindern. Halogen- und Glühlampen müssen durch Stromsparlampen ausgetauscht werden, intelligente Regelsysteme sollen Gebäudebeleuchtung außen und innen fit machen. Rolltreppen stoppen außerhalb der öffnungszeiten. Während der Hauptlast zwischen 11.00 und 16.00 Uhr sowie von 18.00 bis 22.00 Uhr sind Verbraucher dazu verpflichtet ihren Strombedarf im Falle vorhandener Diesel-Generatoren selbst zu decken. öffentliche Werbetafeln dürfen nicht mehr beleuchtet werden.

Strafen für Stromsünder

Das Umdenken soll sichtbar werden. Künftig informiert ein »Energie-Siegel« den Bürger beim Betreten eines Gebäudes über deren Sparleistung. Im Vergleich zum Vorjahresverbrauch ist eine Einsparung von mindestens zehn Prozent vorgeschrieben. Bei Nichterreichung droht Großverbrauchern von über 1 Megawatt wie Shoppingmalls oder Fabriken ein Zehn-Prozent-Aufschlag auf die Monatsabrechnung plus fünf Prozent pro »Wiederholungstat«. Krankenhäuser, strategische Industrien, Verkehr, Sicherheit, Telekommunikation, Bildungseinrichtungen und Botschaften sind vom Einsparziel zunächst ausgenommen. Dass die Energiespar-Resolutionen weder für Staat noch Wirtschaft zahnlose Papiertiger sind, belegt die Höchststrafe. So wird bei »konsekutiver und nochmaliger Nichtbefolgung« des Stromspar-Paragrafen nach Verwarnung schlicht der Saft abgedreht.

Belohnung für Sparer

Den gescholtenen Privathaushalten wurde, je nach klimatischer Lage des Wohnortes und somit unterschiedlichem Bedarf, ein differenziertes Anreizsystem verordnet. 75 Prozent mehr muss zahlen, wer das 10-Prozent-Ziel nicht erreicht. Mit 200 Prozent Preisaufschlag muss rechnen, wer seinen Verbrauch um ein Fünftel steigert. Doch wer spart, dem winkt ein saftiger Rabatt von 25 Prozent. Sogar die Hälfte der Stromrechnung wird erlassen, werden zwanzig Prozent weniger verbraucht. Die Not, sie hat erfinderisch gemacht. Ob das Energiespar-Experiment per Stromrechnung jedoch zum Vorreiterprojekt wird oder an der Überfluss-Mentalität des Erdöl-Exporteurs scheitert, diese Prognose bleibt mindestens so unsicher wie das Wetter.

Autor: Benjamin Beutler