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Emissionshandel soll Überleben von Indigenen sichern

Von Fabiola Ortiz

Rio de Janeiro (IPS) – Keine 45 Jahre ist es her, da hatte das indigene Volk der Paiter-Suruí noch keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch das Ende ihrer Abgeschiedenheit hätte sie fast um ihre Existenz gebracht. Jetzt wollen die brasilianischen Ureinwohner mit der Teilnahme am internationalen Emissionshandel ihr Überleben sichern.

Die Bewohner des 250.000 Hektar großen Territoriums Sete de Setembro, das zwischen den Bundesstaaten Rondônia und Mato Grosso in der Nähe der bolivianischen Grenze liegt, hatten in den letzten Jahrzehnten turbulente Zeiten erlebt.

Drei Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme mit der sogenannten ´Zivilisation´ 1969 sorgten eingeschleppte Krankheiten dafür, dass die Zahl der Paiter-Suruí von ursprünglich 5.000 auf 300 zurückging. Inzwischen zählt die ethnische Gemeinschaft wieder 1.350 Mitglieder. Sie alle sind fest entschlossen zu überleben.

´Suruí´ ist der Name, den Anthropologen den Indigenen gegeben hatten. Sie selbst bezeichnen sich als ´Paiter´, was in der von ihnen gesprochenen Tupí-Mondé-Sprache so viel bedeutet wie "das wahre Volk, wir selbst´.

Projekt angelaufen

Vor vier Jahren haben die Ureinwohner ihr Suruí-Wald-Karbon-Projekt gestartet. Im April wurde das Vorhaben, durch den Schutz und die Aufforstung von Wäldern zur Neutralisierung der CO2-Emissionen beizutragen, offiziell anerkannt. Es ist Teil der UN-geförderten Initiative zur Verringerung der Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern (REDD+).

Der Handel mit Emissionsreduktionszertifikaten oder CO2-Credits erlaubt Ländern oder Unternehmen, die Netto- Produzenten von Treibhausgasemissionen sind, einen Teil ihrer Emissionsschulden auszugleichen, indem sie für Initiativen bezahlen, die anderswo für eine Verringerung der CO2-Emissionen sorgen.

Nach einem Jahrzehnte langen Kampf gegen den Einfall von Holzfällern, Bergleuten, Wilderern und Siedlern ist es den Paiter-Suruí in den letzten sieben Jahren gelungen, 14.000 native Bäume wie Kakao, Kaffee, Mahagoni und Açaí-Palmen zu pflanzen.

"Wir wollen, dass unser Volk profitiert und sich in Übereinstimmung mit seinen Bedürfnissen weiter entwickelt", sagte Almir Suruí, der Chief der Paiter-Suruí und Mitglied der Koordinationsstelle indigener Organisationen des brasilianischen Amazonas. Der 38-Jährige trägt eine Kette aus Pflanzensamen, wie sie die Frauen seiner Gemeinschaft herstellen. Bei Auswärtsterminen erscheint er in westlicher Kleidung, die aber seine Körperbemalung, auf die er ebenso großen Wert legt, nie gänzlich verdeckt.

Bevor Almir Suruí in Brasilien bekannt wurde, hatte er sich mit einer Klage vor der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegen den illegalen Holzeinschlag auf indigenem Territorium international einen Namen gemacht. Er ist zudem dafür bekannt, dass er sich für das Recht der indigenen Völker einsetzt, in freiwilliger Selbstisolation zu leben. Außerdem ist er ein erklärter Gegner von Wasserkraftwerken an den Flüssen von Rondônia.

Um ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, arbeiten die Paiter-Suruí mit Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Agenturen wie dem Brasilianischen Fonds für Artenvielfalt (Funbio) zusammen, der die Umsetzung von Finanzmechanismen und Instrumenten erleichtert, die der Gemeinschaft ein Einkommen sichern sollen.

Das Suruí-Karbon-Projekt sieht den Schutz von mehr als 12.000 Hektar Wald über einen Zeitraum von 30 Jahren vor. Die Suruí gewährleisten die Speicherung einer jährlich festgelegten Menge CO2 und können die dadurch erworbenen CO2-Credits auf dem Emissionsmarkt anbieten. Geschätzt wird, dass sie auf diese Weise im Verlauf des Projekts an der Akkumulierung von acht Millionen Tonnen CO2 bis zu 40 Millionen US-Dollar verdienen können.

Das Geld aus dem Verkauf der CO2-Zertifikate ist für den Paiter-Suruí-Karbonfonds bestimmt, aus dem die Umsetzung eines Entwicklungsplans finanziert wird. Die Paiter-Suruí produzieren derzeit bereits mehr als 4.000 Tonnen organischen Kaffee und 10.000 Tonnen Cashewnüsse. Für die Vermarktung der beiden Erzeugnisse liegen bereits Businesspläne vor.

Mit Hilfe von Spendengeldern und dem Verkauf von CO2-Credits sollen dem Karbonfonds in den nächsten drei Jahren sechs Millionen US-Dollar zufließen. Sobald das Ziel erreicht ist, wird der Fonds vollständig von den Paiter-Suruí verwaltet, die von Funbio bereits auf diese Aufgabe vorbereitet werden.

Die Initiative der indigenen Gemeinschaft, einen Finanzmechanismus zu schaffen, der das eigene Überleben sichert, hat Chief Almir 2011 den 53. Platz auf der Liste der 100 kreativsten Geschäftsleute des US-amerikanischen Magazins ´Fast Company´ gesichert. Im Mai wurde er zu einer Konferenz des britischen Wirtschaftsmagazins ´The Economist´ geladen, um den dort versammelten Unternehmern und Wissenschaftlern von seiner Initiative zu berichten.

Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann, Quelle: IPS