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Elefante Blanco - Abriss eines Giganten

Der "weiße Elefant" ist eine Betonwüste. Das einst als Krankenhaus geplante Gebäude soll einem Neubau weichen. Foto: Laurine Zienc
Der "weiße Elefant" ist eine Betonwüste. Das einst als Krankenhaus geplante Gebäude soll einem Neubau weichen. Foto: Laurine Zienc

Er ist alt, ausgeweidet und schwach. Der „weiße Elefant“ ist nur noch ein Gerippe, ein unbrauchbarer Schandfleck. So sieht ihn die Regierung von Buenos Aires. „Elefante Blanco“ nennen Lateinamerikaner etwas, das schwierig zu unterhalten und dessen Nutzen gegen Null geht. In der argentinischen Hauptstadt nennt man so den Rohbau, in dessen Schatten sich das Armenviertel Ciudad Oculta entwickelte.

Der argentinische Tuberkulose-Bund plante 1923 das Krankenhaus. 15 Jahre später folgte der erste Spatenstich für das 14 Etagen und 60.000 Quadratmeter große Gebäude, das das größte und modernste Hospital Lateinamerikas werden sollte. Doch soweit kam es nie. 1955, im gleichen Jahr von Juan Domingo Peróns Sturz, stoppte der Bau am einstigen Prestigeobjekt Argentiniens.

„Wir werden die Geschichte des Scheiterns und der Schlampigkeit umgestalten“, sagt der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta, am 10. April 2018. Er hält einen Helm im Arm und steht vor einem Bagger. Absperrbänder und Bauzäune schirmen den „weißen Elenfanten“ ab. Über 38 Regierungen dauerte es bis zu diesem Schritt: Der Abriss beginnt.

Ein Ort, der krank macht anstatt zu heilen

„Mein erstes Gefühl war Traurigkeit“, sagt Padre Sebastián Sury. Der Priester lebt und arbeitet seit 1999 in der Ciudad Oculta. Unterstützt wird seine seelsorgliche und soziale Arbeit vom deutschen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Padre Sury blickt von einer der Kapellen auf den „weißen Elefanten“. „Er ist ein doppeldeutiges Symbol, etwas Historisches, das immer schon hier war und unser Leben geprägt hat. Das Gebäude ist aber auch negativ besetzt: Es gab hier Tote, Verrottung und schlechte Gewohnheiten. Es ist der letzte Ort, an dem die Menschen leben wollen“, sagt Sury.

Eine Umfrage der Abteilung für städtische Anthropologie von Buenos Aires unter den Bewohnern des Viertels ergab, dass sie das Gebäude als Last sehen. 28 Prozent empfinden dem weißen Elefanten gegenüber Gleichgültigkeit, 23 Prozent finden ihn hässlich und 17 Prozent fühlen sich durch ihn unsicher.

Der argentinische Regisseur Pablo Trapero drehte 2012 im „Elefante Blanco“ und im umliegenden Viertel seinen gleichnamigen Film. Zu sehen: Jugendliche, die Drogen auf dem Dach des Gebäudes konsumieren, Schießereien in den Straßen des Viertels. Der Ort, der einst Kranke heilen sollte, macht im Film die Menschen in seiner Umgebung krank.

Leben und Tod ganz nah beieinander

Einige Jahre gab es in den ersten Etagen des leerstehenden Krankenhauses eine medizinische Einrichtung. Werdende Mütter oder Kranke aus der Ciudad Oculta erhielten hier Hilfe. Nach dem Neubau des Gesundheitszentrums nebenan wurden die Etagen geräumt. Der komplette Zerfall begann: Bäume wuchsen durch die Decken, Regenwasser sammelt sich in den Fluren. Im Winter versuchten Obdachlose mit Feuer die feuchten Wände zu erwärmen.

An die Außenmauern des „weißen Elefanten“ sind einige Häuser der Ciudad Oculta gebaut teils sogar mit Ziegeln, die aus den Mauern des Krankenhauses stammen. Es dauerte Jahre, bis die letzten Anwohner das Gelände für den Abriss räumten. Bis zu 10.000 US-Dollar erhalten sie für ihren Auszug von der Stadt. „Die Mehrheit der Menschen, die umgesiedelt wurden, ist zufrieden über die Verbesserung ihrer Lebensumstände. Einige sind nostalgisch und blieben lieber dort. Am Elefanten gab es eben auch Leben und deswegen schmerzt der Abriss ein wenig“, sagt Padre Sury.

Ministeriumsbau soll dem Viertel neues Leben einhauchen

Bürgermeister Larreta sieht das anders: „Wir werden die Geschichte der nicht eingehaltenen Versprechen umgestalten in eine Stadt, die wir wollen.“ An der Stelle des weißen Elefanten soll im März 2019 ein Ministerium mit drei Etagen und einem begrünten Dach auf 17.700 Quadratmetern stehen. Mehr als 1.000 Menschen sollen im Ministerium für menschliche Entwicklung arbeiten. All das soll laut Regierung das Viertel mit seinen 25.000 Einwohnern in die Stadt integrieren. „Hier werden Kinder Fußball spielen, Menschen Mate trinken und die neue Grünfläche der Stadt genießen“, sagt Bürgermeister Larreta.

Der „weiße Elefant“ verschwindet aus dem Viertel. Die Erinnerungen an ihn aber bleiben.

Autorin: Laurine Zienc