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Eiserne Lady tritt in Lulas Fussstapfen

Seit wenigen Tagen ist Dilma Rousseff offiziell die Kandidatin der regierenden Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT) für die Präsidentschaftswahlen im Oktober. Mitreden bei der Kandidatenkrönung durften die PT-Abgeordneten auf dem 4. Nationalen Parteitag in Brasilia jedoch nicht. Denn Dilma ist das Ziehkind des allmächtigen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva, der nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren kann. Er verwandelte die als eiserne Lady gefürchtete einstige Guerrilla-Kämpferin Dilma in eine praktizierende Sozialdemokratin mit aussichtsreichen Chancen Brasiliens erste Präsidentin zu werden.

Dabei ist Dilma, wie man sie in Brasilien nennt, eigentlich alles andere als ein Volkstribun á la Lula. Während der Militärdiktatur (1964 bis 1985) gehörte die "Trotzkistin" mehreren Guerrilla-Gruppen an, saß drei Jahre lang im Gefängnis und wurde dort gefoltert. Danach machte sie im Bundesland Rio Grande do Sul politische Karriere. Gerne übergab man ihr dabei Jobs die eher mit Statistiken und nüchterner Schreibtischarbeit als mit engem Kontakt zur regierten Masse zu tun hatten. Anfang 2003 übernahm Dilma, die erst zwei Jahre zuvor in die PT eingetreten war, dann auch folgerichtig das unauffällige Ministerium für Bergbau und Energie in Lulas erstem Kabinett.

Die von Kabinettskollegen zur "PowerPoint-Königin" gekrönte Ministerin konnte bei ihren drögen Vorträgen über Stunden ihre Zuhörer mit endlosen Zahlenkolonnen überschütten. Niemand wurde aus ihren verschachtelten Sätzen und unzähligen Graphiken schlau. Gleichzeitig war die im politischen Alltag als knallhart geltende Dilma wegen ihres aufbrausenden Temperamentes gefürchtet. Weder Journalisten, Mitarbeiter noch Kabinettskollegen waren dabei vor ihrem Zorn sicher. Dilma auf das Wahlvolk loszulassen war so ungefähr das Letzte was man sich vorstellen konnte. Folglich hat sie noch nie einen Wahlkampf bestritten.

Doch dann kam für die Regierung Lula das Katastrophenjahr 2005. Fast die gesamte PT-Spitze musste zurücktreten nachdem bekannt wurde, dass man politische Allianzen mit Geldern aus schwarzen Kassen zusammengekauft hatte. Das graue Kabinettsmäuschen Dilma stieg dabei zur mächtigen Kanzleramtschefin auf, wobei sich ihre harte Hand und die lückenlose Beherrschung von Aktenbergen und Zahlenkolonnen bestens auszahlte. Ende 2008 sei ihm klar geworden, dass Dilma die geeignetste Kandidatin für seine Nachfolge sei, so Präsident Lula später. Und zudem die Einzige, die nach der Skandalwelle überhaupt noch übrig geblieben war.

Ein Stab aus Imageberatern nahm sich rasch der männlich-steif wirkenden Dilma an, ersetzte die Brille durch Kontaktlinsen, die grauen Hosenanzüge durch farbenfrohe Kleider, ließ Dilmas Falten wegliften und das Gesicht mit Botox abrunden. Und Präsident Lula nahm die runderneuerte Dilma mit auf seine Touren durch die brasilianischen Weiten, um sie dem Volke vorzustellen. Oder besser, um der kontaktscheuen Dilma das äußerst kontaktfreundliche brasilianische Volk vorzustellen. Nicht immer ging das gut. Sie menschelte einfach zu wenig.

Dann erkrankte Dilma Anfang 2009 an Krebs. Zwar hielt Lula öffentlich an ihr fest, spielte aber gleichzeitig wieder mal mit dem Gedanken einer Verfassungsänderung zugunsten einer dritten Amtszeit. Doch Dilmas Kampf gegen den Krebs berührte das Volk, und plötzlich menschelte die ausgemergelte und mit einer Perücke ausgestattete Krebspatientin auch endlich. Sie sei geheilt, verkündete Dilma vor wenigen Monaten, zeigte ihr kurzes nachgewachsenes Haar und wagte im Carnaval von Rio ein medienwirksames Tänzchen mit einem Straßenkehrer. Seitdem steigt sie stetig in den Umfragen. Zwar liegt sie mit derzeit gut 25% noch deutlich hinter dem vermutlichen Oppositionskandidaten Jose Serra (36%). Doch ab Mitte des Jahres will sich Präsident Lula mit all seiner Macht und Beliebtheitswerten von 80% in den Dilma-Wahlkampf knien.

Gefährlicher als Gegner Serra, so meinen Experten, könnte Dilma allerdings die Opposition in den eigenen PT-Reihen werden. Auf ihrem "Krönungsparteitag" letzte Woche rumorte es bereits ein wenig. Besonders die marxistische Minderheit unter den 1 300 Abgeordneten sah in Dilma die unerwünschte Fortführung der sozialdemokratischen Politik Lulas. Der konnte den Unmut der Ultralinken stets mit Hilfe seiner uneingeschränkten Autorität innerhalb der Partei mundtot machen. Immerhin hat Lula die PT vor 30 Jahren selber gegründet. "Die Annahme von Dilmas Kandidatur durch die PT ist der definitive Beweis dafür, dass Lula mit der Partei machen kann, was er will", sagte der Politikwissenschaftler Octaciano Nogueira.

Doch Lula tritt Ende des Jahres ab und Dilma ist gerade einmal seit neun Jahren Mitglied. So ist man dem marxistischen Flügel vorsichtshalber mit einem ideologisch radikaleren Wahlprogramm für Dilma entgegen gekommen, das u. a. eine stärkere Kontrolle von Wirtschaft und Medien durch den Staat fordert. Aber die nach einem autoritären Staat rufenden Ultras wissen, dass dies wohl eher Wahlkampfrhetorik ist. "Oft verteidigt die Partei Prinzipien und Dinge, die die Regierung nicht verteidigen kann," rechtfertigte Lula die Kluft zwischen Wahlkampfreden und Regierungsalltag. Diese Kluft war es wohl auch, die die Landlosenbewegung Movimiento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), traditioneller Verbündeter der PT seit den Gründerzeiten, von der Kandidatin Dilma Abstand nehmen ließ. Man werde sie im Wahlkampf nicht unterstützen, so die wegen der kaum vorankommenden Agrarreform von der Lula- Regierung enttäuschten Landlosen, die folglich erst gar nicht zum Parteitag in Brasilia eingeladen wurden. Dilma sei in Wirklichkeit eine vollkommene Pragmatikerin, die mit ihren Entscheidungen oft im krassem Gegensatz zu ihren ideologisch eingefärbten Worten stehe, so Kritiker aus dem linken Lager.

Doch für Lula geht es darum, die Wahlen Ende des Jahres zu einem Plebiszit über seine Amtszeit zu machen. Oppositionskandidat Jose Serra repräsentiert in diesem Gedankenspiel die 8 Regierungsjahre von Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso. Im Vergleich zu dem habe man eine "400mal bessere Regierungspolitik" abgeliefert, so Dilma, die bei der Plebiszit-Wahl für die Lulajahre verkörpern wird. Sie selber lächelt derweil Fragen nach ihrem Image als "eiserne Lady" überlegen weg. Sie erscheine nur deshalb so hart, weil sie von lauter schwachen Männern umgeben sei, die Angst hätten Entscheidungen zu treffen, sagte sie auf einer Pressekonferenz Ende letzten Jahres. Noch vor wenigen Jahren hätte sie eine solche Journalistenfrage mit einen mittleren Tobsuchtsanfall beantwortet. Die "neue" Dilma hat Lulas "Paz e Amor"-Stil (Frieden und Liebe) offensichtlich bereits perfekt übernommen.

Autor: Thomas Milz