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Einsamer Farmer gegen die Mafia

Puebla. Ihre Methode schien unfehlbar. Ein finsteres Killerkommando mit schweren Waffen und den typischen Geländewagen der mexikanischen Drogenkartelle. Drohgebärden. Ein Ultimatum von 24 Stunden. Und am nächsten Tag gehört das Anwesen ihnen. Eine stille Methode, aber äußerst effizient: Die Aufklärungsflugzeuge der mexikanischen Streitkräfte bilden harmlose Farmen ab, doch hinter den Wänden herrscht längst die Mafia. Rund 5000 Gehöfte haben sich die Kartelle nach Schätzungen der Landwirtschaftskammer im wilden Norden Mexikos so angeeignet. Als Unterschlupf, Trainingscamp, Drogendepot, Folterkammer, Schaltzentrale. Besonders heftig tobt der Krieg im Grenzgebiet von Tamaulipas.

Dort streiten sich zwei Banden um die Vorherrschaft: Das Golfkartell und die Zetas. Ihre Methoden ähneln sich, welche von den beiden am 13. und 14. November ihre Killer nach San José schickte, ist noch unklar. Doch fest steht, dass die Mörder sich täuschten. Denn Don Alejo Garza Tamez war ein Junker vom alten Schlag. Sein Wort galt mehr als Buchstaben auf einem Papier. Und sein Land ging dem 77-jährigen über alles.

Ein ungleicher Kampf

Er war im Norden Mexikos groß geworden, zwischen den Wiesen und Wäldern der Sierra Madre Oriental. Später hatte er sich 15 Kilometer außerhalb von Ciudad Victoria niedergelassen in der Nähe der Talsperre von Padilla. Schon sein Vater war Holzhändler und Sägewerksbesitzer und kam damit zu bescheidenem Wohlstand - eine Tradition, die Don Alejo und seine Brüder mit ganzem Herzen weiterführten. Auch als sich die Situation zusehends verschlechterte.

Don Alejo hatte vermutlich gehofft, er würde auf seine alten Tage mit Gottes Beistand davonkommen. Doch am 13. November trat das ein, was er schon lange befürchtet hatte. Die Geländewagen kamen zu seinem bescheidenen Häuschen in San José. In 24 Stunden müsse er verschwinden, wenn ihm sein Leben lieb sei, beschieden ihm die Mörder.

Er denke gar nicht daran, entgegnete er ihnen entschieden. Die Killer nahmen den gebrechlichen Alten nicht ernst. Und Alejo Garza tat das Unerwartete. Er gab seinen Angestellten frei und bereitete sich vor. Seelenruhig verrammelte er Fenster und Türen und deponierte in kleinen Schiessscharten Pistolen, Gewehre und Munition. Als die Nacht einbrach, schob er einsam Wache, hellwach, wie in seinen jungen Jahren, als er auf die Jagd gegangen war. Sein gutes Auge und sein flinker Umgang mit den Waffen waren legendär.

Es muss so gegen vier Uhr früh gewesen sein, als die Motoren aus der Ferne das Unheil ankündigten. Gut zwei Dutzend Auftragsmörder stiegen aus, umstellten die Farm und forderten Don Alejo auf, sich zu ergeben und mit erhobenen Armen herauszukommen. Stunden später – wie meistens – trafen Soldaten auf der Ranch ein. Ihnen bot sich ein Bild der Verwüstung: pulvergeschwängerte Luft, vier erschossene Killer, zwei schwer verletzt und bewusstlos. Das Haus vom Kugelhagel und von Granateinschlägen durchlöchert. Die Beamten glaubten erst, hier habe eine epische Schlacht zwischen zwei schwer bewaffneten Gruppen stattgefunden.

Doch im Innern des Hauses fanden sie nur Don Alejo. Von Kugeln durchsiebt und mit zwei Gewehren neben sich. Gestorben in einem ebenso heroischen wie aussichtslosen Kampf.“ Es ist schmerzhaft und traurig, und der Schmerz wird auch nicht aufhören, weil die Behörden nichts tun, um dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten“, sagte seine Tochter Sandra dem Nachrichtensender Milenio TV. Dass ihr Vater von der Bevölkerung zum einsamen Helden hochstilisiert wird, tröstet sie nicht wirklich.

Behörden können Bauern nicht schützen

Die Ohnmacht angesichts des Terrors der Drogenmafia ist groß, höchstens noch übertroffen von der Wut auf den Staat, der unfähig ist, seine Bürger zu schützen. Vor kurzem flüchteten in Tamaulipas mehrere hundert Dorfbewohner vor den Gefechten der beiden Kartelle. Ciudad Mier, im strategisch wichtigen Korridor nach Nuevo Laredo gelegen, ist heute ein Geisterdorf mit ausgebrannten Autowracks, durchschossenen Fassaden und Häuserruinen. Die Armee bietet den Flüchtlingen Geleitschutz beim Umzug und hat im benachbarten Miguel Aleman Notherbergen eingerichtet.

Situationen wie im Bürgerkrieg. Da helfen weder Versprechen von Präsident Felipe Calderón, der Krieg gegen die Drogenmafia sei zu gewinnen, noch die 40.000 Soldaten, die er dafür mobilisiert hat. Auch wenn sie großen Kartellchefs in den vergangenen Monaten das Handwerk legen konnten, die Bürger fühlen sich dem Organisierten Verbrechen schutzlos ausgeliefert. Und dass zwischen den Fronten mehrere hundert Zivilisten starben, hebt das Ansehen der Streitkräfte nicht gerade.

In Tamaulipas hat der Drogenkrieg fast jedes normale Geschäftsleben zum Erliegen gebracht. Nach Einbruch der Dunkelheit ist in den Städten und auf den Überlandstrassen niemand mehr unterwegs. 2009 exportierten die Farmer aus dem Bundesstaat noch 200.000 Rinder, dieses Jahr ist es nur noch ein Drittel davon, so der Vorsitzende des Züchterverbandes, Alejandro Gil. Die Regionalpolitiker stehen zwar weiter hinter dem Präsidenten, aber der Unmut wächst. Unternehmer und Landbesitzer der Stadt Matamoros forderten bereits ein Ende des „gescheiterten“ Drogenkriegs, oder zumindest einen Waffenstillstand.

Autorin: Sandra Weiss