Mexiko |

Eine Journalistin an der Grenze

Gerichtsreporterin Blanca Carmona bei der Arbeit. Sie möchte lieber unerkannt bleiben. Foto: Maria Birkmeir.
Gerichtsreporterin Blanca Carmona bei der Arbeit. Sie möchte lieber unerkannt bleiben. Foto: Maria Birkmeir.

Ciudad Juárez, im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua, galt noch 2010 als die gefährlichste Stadt der Welt. Der Drogenkrieg, eine Serie grausamer Frauenmorde und der gewaltsame Tod von zwei Lokaljournalisten brachten die Stadt weltweit in die Medien. Die Mordrate ist zurückgegangen - aber für Blanca Carmona, Reporterin beim Diario de Juárez, gehören Selbstzensur, die ständigen Bedrohungen durch Drogenkartelle und die Probleme mit der Polizei weiterhin zum Arbeitsalltag.

Wer die Redaktion des Diario de Ciudad Juárez besucht, einen grauen Betonblock direkt an der Hauptstraße, dem fallen zuerst zwei verblichene rote Transparente über dem Haupteingang ins Auge. "Ohne Journalisten keine Demokratie" steht auf dem einen und "Gerechtigkeit für Choco" auf dem Anderen. Sie hängen seit vier Jahren dort, um daran zu erinnern, dass zwei Mitarbeiter der Tageszeitung von Unbekannten erschossen wurden. Hier ist der Arbeitsplatz von Blanca Carmona, ein nüchternes Großraumbüro mit Raumteilern und Zimmerpflanzen. Über ihrem PC hat die 38-Jährige Reporterin Fotos von ihren beiden Kindern aufgehängt.

Seit sie sich erinnern kann, wollte Blanca Journalistin werden, schon als kleines Mädchen. Sie ist in Ciudad Juárez geboren, hat hier auch Kommunikationswissenschaften studiert. Seit sie vor 15 Jahren angefangen hat, als Redakteurin zu arbeiten, war sie immer für die "noticia roja" zuständig - die Polizeinachrichten. Erst vor ein paar Monaten hat sie das Ressort gewechselt und ist nun für die Gerichtsberichterstattung zuständig.

Selbstzensur aus Angst

Die meisten von Blancas Artikeln erscheinen nicht unter ihrem Namen, stattdessen steht in der Autorenzeile nur "Staff" - verfasst von einem Redaktionsmitglied. Das ist eine der Vorsichtsmaßnahmen, die alle Zeitungen in Juárez nach den Journalistenmorden getroffen haben. Wie wenig sie das schützt, weiß Blanca aus eigener Erfahrung.

Vor kurzem wurde sie von einem Anwalt kontaktiert, der sie bat als Zeugin in einem Mordfall auszusagen. "Offensichtlich hat er herausgefunden, dass ich darüber geschrieben habe. Ich habe ihm ausrichten lassen, dass ich krank bin. Wenn ich vor Gericht aussagen würde, sehen mich die Verurteilten. Das ist organisiertes Verbrechen, da geht es um Drogen und Schutzgeld - ich möchte nicht riskieren, dass diese Leute mein Gesicht sehen."

Auch bei den Nachrichten über Drogenfunde, die es in Ciudad Juárez häufig gibt, wissen die Journalisten schon vorher, was sie nicht schreiben können. "Klar habe ich meistens eine eindeutige Vermutung, von wem die Drogen sind", erzählt Blanca. "Aber wir recherchieren nicht wirklich die Hintergründe. Davor hast du als Reporter viel zu viel Angst. Wenn du anfängst nachzuforschen und damit eine kriminellen Vereinigung störst, wer wird dich schützen?"

Die Selbstzensur trägt auch dazu bei, dass bestimmte Themen gar nicht mehr aufgegriffen werden. "Zum Beispiel die Frauenmorde, das ist auch so ein Thema, das unserer Zeitung wenig gefällt. Mehr kann ich dazu nicht sagen, sonst bin ich meinen Job los."

Straffreiheit für Verbrechen gegen Medienmitarbeiter

Es sind nicht nur die Drogenkartelle, vor denen die Reporter sich in Acht nehmen müssen. Blanca hat bisher vor allem mit Polizisten schlechte Erfahrungen gemacht. An eine besonders heikle Situation kann sie sich noch gut erinnern: "Wir haben einmal über einen Mord in Valle berichtet, in einem der Außenbezirke. Das war an einem Sonntag, die Leiche war weit außerhalb der der Stadt und die Polizei hatte den Tatort noch nicht abgesperrt. Der Fotograf, mit dem ich unterwegs war, ist näher rangegangen, um Fotos zu schießen. Die Polizisten wurden wütend, sie haben mich bedroht, beschimpft. Sie haben gesagt, sie würden mich "mitnehmen" - entführen. Sie würden mich umbringen."

Antonio Martinez kennt diese Fälle. Er arbeitet in Mexiko Stadt für die Organisation Article19, die weltweit Verstöße gegen die Pressefreiheit und Angriffe auf Medienmitarbeiter dokumentiert und anprangert. Fast die Hälfte aller Drohungen und Angriffe auf Journalisten, die bei ihm gemeldet werden, gehen von Staatsbeamten aus. Seiner Meinung nach liegt es vor allem an drei Gründen, warum es in Ciudad Juarez, wie in so vielen anderen Städten Mexikos, kaum eine freie Berichterstattung gibt: "Wir brauchen ein Ende der Straffreiheit für Verbrechen gegen Medienmitarbeiter. Dann müsste sich etwas bei dem lokalen Behörden ändern, die jetzt nach Abzug des Militärs weiterhin an der Gewalt beteiligt sind - entweder indem sie selbst aktiv werden, oder es unterlassen, dagegen einzuschreiten. Die dritte Voraussetzung ist, dass der Staat das geltende Recht so anwendet, sodass Zeitungen und Onlineportale sich nicht mehr selbst zensieren müssen."
Ein weiterer Grund, weshalb es Lokaljournalisten in Mexiko oft schwer haben, sind die langen Arbeitszeiten und der oft geringe Lohn.

Frustration und Desinteresse

Auch Blanca findet ihr Gehalt nicht gerechtfertigt. "Du riskierst manchmal sehr viel für eine Information, für eine Nachricht. Ich frage mich manchmal, wofür eigentlich - der Lohn ist es nicht wert." Vor einem Jahr, erzählt sie, wollte sie einen neuen Elektroheizer kaufen. "Der Verkäufer wollte mir keine Ratenzahlung für diesen verdammten Elektroheizer geben, dabei waren es nur 2000 Pesos - das zahle ich in einem Monat ab, habe ich gesagt. Aber er meinte, es ginge nicht um die Summe, meine Arbeit sei das Problem - schließlich sei es nicht abzusehen, ob ich nächsten Monat noch leben würde."

Oft kommt Blanca frustriert von ihrer Arbeit nachhause. "Manchmal höre ich am Ende eines Tages mit dem Schreiben auf und denke mir, dass es niemanden interessiert was ich geschrieben habe. Dass die Leute die Zeitung ohnehin nur benutzen werden, um damit die Fenster zu putzen oder etwas einzuwickeln. Ja, ich habe oft das Gefühl, dass es niemanden überhaupt interessiert, was passiert."

Autorin: Maria Birkmeir