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Eine fragwürdige Befragung

Ausgerechnet am Tag der Umwelt tauchten im Intag-Tal Mitarbeiter der staatlichen Bergbaugesellschaft auf und fragten die Bevölkerung nach ihrer Meinung. Oder ging es doch eher darum herauszufinden, welche wichtigen Führungspersonen gegen Minenaktivitäten sind?

Der Besuch im Auftrag des Ministeriums kam – zumindest für viele Befragte – überraschend, erklären Umweltaktivisten. Die Interviewer der staatlichen Bergbaugesellschaft (ENAMI) seien unter anderem nach Apuela, El Paraíso, Magdalena und Rio Verde gereist und hätten dort Gemeindevorsteher, Lehrpersonal und andere sozialen Akteure befragt, berichten sie. Edgar Guillén, Interviewer und im Referat für öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der ENAMI tätig, habe in Apuela gegenüber einer Mitarbeiterin des sozialen Zentrums „Casa Palabra y Pueblo“ erklärt, die Gemeindeverwaltungen hätten grünes Licht für die Interviews gegeben.

Sensibles Thema

Nun ist Bergbau im Intag-Tal aber ein sehr sensibles Thema, ebenso wie sich am Bergbau in Ecuador überhaupt die Geister scheiden. Die einen sagen, der Staat brauche dringend Einnahmen in großer Höhe und unterstützen den Vorstoß von Präsident Rafael Correa, Megabergbauprojekte zu forcieren. Andere fordern, genau dies tunlichst sein zu lassen und den versprochenen Paradigmenwechsel hin zum Konzept des „Buen Vivir“ umzusetzen.

Die Bewohner des immer noch nur über abenteuerlich ausgewaschene Straßen erreichbaren Intag-Tals haben bereits seit den 1990er Jahren mehrmals Bergbaukonzerne aus der Region vertrieben. Zuletzt war es 2008 der kanadische Konzern Ascendent Copper, der nach friedlichen, aber entschiedenen Protesten von der Ausbeutung der Kupfervorkommen in Junín wieder absah.

Unterschiedliche Zukunftsvisionen

Ein großer Teil der Bevölkerung sieht die Zukunft der Region aufgrund der atemberaubenden Landschaft und der großen Artenvielfalt im sanften Tourismus, in ökologischer Landwirtschaft und Projekten wie Hidrointag, wo Kleinkraftwerke ohne die übliche Umweltzerstörung Strom erzeugen – und für die Gemeinden ein Einkommen erwirtschaften sollen. Doch unbefleckt ist die Region nicht: In Selva Verde wird Kali abgebaut auch eine Goldmine ist in der Region ansässig.

Während nach 2008 von Regierungsseite zunächst keine weiteren Vorstöße in Richtung Bergbau unternommen wurden, hat sich dies seit dem Umschwenken der Regierung hin zu Bergbau-Megaprojekten geändert. Für Junín gibt es einen neuen Antrag auf eine Konzession – und das chilenische Bergbauunternehmen Codelco hat in der angrenzenden Region Manduriaco Explorationsarbeiten vorgenommen.

Es handele sich um eine „Befragung über die Wahrnehmung sozialer Akteure“, habe Guillén erklärt und ausgeführt, man wolle Informationen über die soziale Kommunikation, gesellschaftliche Vorstellungen, das Interesse am Bergbau, den sozialen Dialog, soziale und staatliche Akteure sammeln. Zwei Teams, bestehend aus je vier Interviewern hätten die Befragung durchgeführt, erklärt Carolina Carrión, die selbst zu den Befragten gehört. Sie und ein Kollege des sozialen Zentrums seien nicht vorab über die Befragung informiert worden. Das Interview habe um die Frage gekreist, in welche Personen sie Vertrauen habe, so Carrión.

„Welchen sozialen Akteuren vertrauen Sie?“

„Die ENAMI ist der Vermittler, die natürlichen Ressourcen sind Staatseigentum und da es ein Interesse an Großbergbauprojekten gibt, suchen wir als Staat die Möglichkeit des Landes, mit dem Thema der natürlichen Ressourcen verantwortlich umzugehen“, habe Guillén gesagt.

Doch Fragen wie: Was benötigt Ihre Gemeinde? Bringt Mega-Bergbau einen Nutzen? Warum sind Sie für oder gegen den Bergbau? – in Kombination mit Fragen wie: „Welche Führungspersonen werden in der Region anerkannt? Welchen sozialen Akteuren vertrauen Sie und weshalb? Wird die versprochene Bürgerbeteiligung eingehalten?“ beunruhigen einige Umweltaktivisten. Sie fürchten einen missbräuchlichen Umgang mit den Daten.

„In Anbetracht des üblichen Vorgehens dieser Regierung, alles aus dem Kontext zu reißen und die Realität ganz nach ihrem Belieben zu interpretieren, bin ich mir sicher, dass die Befragung dahingehend manipuliert wird, dass es zum einen viel Armut im Intag gibt und zudem viel Arbeitslosigkeit und die Befragten deshalb den Bergbau wollen“, erklärt Carlos Zorilla. Er leitet die Organisation Decoin, die sich für Aufforstung und Waldschutz in der Region einsetzt.

Den Puls messen

„Als staatliche Bergbaugesellschaft haben wir unsere Pflicht sehr klar vor Augen: die sozialen Führungspersonen der Intag-Region müssen jederzeit gut informiert werden“ sagte Guillén im Anschluss an die Intag-Befragung der Tageszeitung „La Hora“. Laut Gesetz, so der Funktionär, müssten fünf Prozent der Bergbaueinnahmen in den Gemeinden verbleiben. Oft seien jedoch nicht einmal die Mechanismen bekannt, wie die Mittel abgerufen werden könnten. Weiter erklärte er, das Ziel von ENAMI sei es, eine technische Strategie zu entwickeln, damit Fehler bezüglich des Bergbaus im Intag-Tal korrigiert werden könnten und dort mittel- und langfristig effektiv und auf einer entsprechenden Basis Minenaktivitäten durchgeführt werden könnten. Ein „Nein“ zum Bergbau steht für den Funktionär also außer Frage.

José Cueva, Kaffeebauer und Geschäftsführer des NGO-Dachverbands Toisan hat auch so seine Befürchtungen. Es sei gut möglich, dass die Befragungsergebnisse erst einmal für eine nicht öffentliche Analyse gedacht seien, um daraufhin eine Strategie zu entwickeln, erklärt er. Dieser Ansicht ist auch Luis Robalino von der Umweltkommission des Gemeindebezirks Peñaherrera. Die Befragung „dient dazu, den Puls zu messen, die Situation in der Region zu kennen und zu wissen, ob Personen für oder gegen den Bergbau sind, um sie dann – auch räumlich – zu isolieren“, vermutet er gegenüber „La Hora“.

Autorin: Bettina Hoyer

Blick ins Intag-Tal / Foto: Hoyer