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Eine Favela-Bank als Exportschlager

Es ist schon fast dunkel, als der Journalistentross im Gefolge des Ministers endlich abzieht aus Palmeiras. Ein Armenviertel an der Peripherie der nordbrasilianischen Großstadt Fortaleza: bunt durcheinander gewürftelte Häuser, Straßen voller Schlaglöcher, herum baumelnde Stromkabel, Kleinkriminalität, chaotischer Verkehr. Dennoch hat Palmeiras etwas, worin die Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva Potenzial sieht: starke Bürger. Deshalb werden Delegationen wie heute die aus Afrika auch gerne hierher gebracht.

Eine Favela als Exportschlager? Lula, der erste linke Gewerkschaftsführer im obersten Staatsamt, macht’s möglich – und die Brasilianer danken’s ihm. Die Einwohner von Palmeiras jedenfalls lassen nichts auf ihren Präsidenten kommen. Seine Kandidatin Dilma Rousseff kennen zwar die wenigsten, aber es reicht, dass sie „die Frau Lulas“ ist. „Lula ist ein Mann des Volkes, er hat uns in den acht Jahren nie vergessen, und damit das so bleibt, wähle ich Dilma“, sagt Maria Socorro Alves. Ihre Nachbarin Conceicao Almeida nickt zustimmend. „Lula hat die Nachbarschaftsinitiativen und die solidarische ökonomie immer unterstützt. Der andere Kandidat, José Serra, will doch nur Brasiliens Bodenschätze ans Ausland verscherbeln“, sagt die Mittfünfzigerin abschätzig.

Vor drei Jahren Sumpf

Von Lula hingegen gibt es einiges. Etwa die bolsa-Familia, die Sozialhilfe in Höhe von umgerechnet 64 Euro monatlich, die 12,6 MillionenFamilien erhalten - im Nordosten sind sogar 22 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfeempfänger. Und staatliche Computerkurse, Zuschüsse für Berufsanfänger, Unterstützung für die Nähgruppe und das Team, das eine kleine Pension für die Solidaritäts-Touristen aufgezogen hat. Es sind keine großen Beträge, manchmal sogar nur Schulungen, aber genügend Startkapital, um die Anfangshürden zu überwinden, an der Kleinunternehmer in Brasilien so oft scheitern, weil die Zinsen im normalen Bankensystem und die geforderten Garantien für Kredite immens sind. Und es ist symbolisch bedeutend für Menschen, die drei Jahrzehnte lang kämpfen mussten für solche Selbstverständlichkeiten wie Strom und Wasser.

„Vor 33 Jahren war hier Sumpf“, erinnert sich Maria Socorro Alves. Sie war damals noch ein kleines Mädchen, zusammen mit ihren Eltern von Immobilienspekulanten vertrieben aus ihrer vorherigen Bleibe. „Wir waren 200 Familien und haben uns organisiert, Häuser gebaut, um Wasser gestritten, um geteerte Straßen, einen Gesundheitsposten, eine Busverbindung, eine Schule“, erinnert sich die 40-jährige Mutter von drei Kindern. Alves hat selbst erlebt, wie schutz- und rechtlos Brasiliens Arme sind, wenn ihre Demonstrationen von der Polizei gewaltsam aufgelöst wurden oder wenn ihre Anträge im bürokratischen Dschungel auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Bank mit eigener Währung

Umso stolzer sind die beiden selbstbewussten Frauen auf das Erreichte. Inzwischen gibt es in Palmeiras nicht nur Handwerkskooperativen, eine Musikschule, ein Jugendhaus und eine solidarische Nähwerkstatt, die eigene Mode kreiert, sondern sogar eine eigene Bank mit einer eigenen Währung. „Palma“ heißt das weiß-grüne Papier mit dem palmenumsäumten großen P. Ein Palma ist genauso viel wert wie die offizielle Währung, der brasilianische Real, und hat schon vielen Familien aus der Patsche geholfen. Denn in „Palmas“ kann man nicht nur im ganzen Viertel einkaufen und sogar im örtlichen Nahverkehr fahren, die Bank gibt auch günstige Kredite zu derzeit zweieinhalb Prozent an all diejenigen, die im normalen Banksystem keine Chance hätten: Gelegenheitsarbeiter, Tagelöhner, Migranten, Hausfrauen. Sprich: der Großteil der inzwischen 32.000 Einwohner von Palmeiras.

Rund 30 Prozent der Anwohner haben ihr Konto bei der Palmenbank. Die Bank schließt nicht nur eine Geschäftslücke, sie kurbelt auch die lokale Produktion an – denn die „Palmas“ zirkulieren zwangsläufig im Viertel. Alves erinnert sich noch an die schwierigen Anfänge: „Wir wurden für verrückt erklärt, die Zentralbank hat sogar einen Prozess gegen uns angestrengt.“ Inzwischen kommen nicht nur Ministerdelegationen aus der ganzen Welt bei der Palmenbank vorbei, sondern in Brasilien gibt es 50 Soli-Banken nach dem Vorbild der Palmenbank, „und unser Palmas ist im Museum der Zentralbank“, sagt Alves.

Auf ihren Lorbeeren wollen sich die streitbaren Nachbarn von Palmeiras aber nicht ausruhen. Zumal sie – trotz aller Unterstützung – in den acht Jahren Lula gelernt haben, „dass sich ohne Druck von unten sich gar nichts bewegt in der Politik.“ „Und wenn das schon bei Lula so war, der ja auch arm war und aus dem Nordosten, dann wird das unter Dilma noch viel stärker gelten“, mutmaßt Almeida.

Autorin: Sandra Weiss