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Ein ungesühntes Massaker

Im brasilianischen São Paulo sind Obdachlose nicht gern gesehen. Und deshalb werden sie seit Jahren immer wieder zum Ziel von Gewalttaten. Padre Julio Lancelotti, Leiter der Obdachlosenseelsorge der katholischen Kirche in São Paulo, glaubt, dass es dabei um eine gezielte Säuberung des Zentrums von den ungeliebten Bewohnern geht.

Verantwortlich hierfür sei eine Allianz aus Lokalpolitikern, Teilen der Polizeikräfte der Stadt und des Landes, Geschäftsleuten sowie Drogenhändlern. Eine besonders brutale Tat, das "Massaker von 2004", bewegt die Menschen in São Paulo in diesen Tagen erneut. Zahlreiche Gedenkveranstaltungen erinnern an die Gewalttat, bei der innerhalb weniger Tage mindestens sieben Obdachlose ermordet wurden. Bis heute wurde die schreckliche Tat nicht gesühnt. Die Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter warten seit Jahren auf ihren Abschluss.

"Die Täter von damals werden weiterhin geschützt, denn vielerlei Interessen stehen dahinter", sagt Padre Julio Lancelotti. "Aber wir kämpfen weiter gegen diese Straflosigkeit und dafür, dass die Gerechtigkeit siegt. Nicht aus Rache, sondern um ähnliche Ereignisse in der Zukunft zu verhindern", so Lancelotti.

Polizisten und private Sicherheitskräfte unter Verdacht

Zwischen dem 19. und 22. August 2004 kam es im Zentrum São Paulos zu Attacken auf schlafende Obdachlose. Mindestens 15 Personen wurden dabei mit gezielten Schlägen auf den Kopf angegriffen, sieben von ihnen starben. Unter Verdacht stehen 13 Polizisten und private Sicherheitskräfte, die in den Drogenhandel im Stadtzentrum verwickelt sein sollen. Zudem sollen sie Straßenhändler erpresst und Diebstähle in Auftrag gegeben haben.

Trotz eingeleiteter Verfahren kam es bisher jedoch zu keiner rechtskräftigen Verurteilung. Dagegen sind seitdem mindestens neun Augenzeugen der Tat, allesamt Obdachlose, verschwunden. Wegen der Ermordung einer Augenzeugin im Jahre 2007 laufen Verfahren gegen zwei Polizisten. Aber auch in diesem Fall hat es bisher keine rechtskräftigen Verurteilungen gegeben. Mittlerweile beschäftigt sich Brasiliens Oberstes Gericht mit den Verfahren rund um das Massaker. Ausgang offen.

Obdachlose bleiben ohne Schutz

"Hinter diesen Verbrechen steckt das organisierte Verbrechen, also die Verbindung von Drogenbanden und Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung sowie der Sicherheitsdienste," so Lancelotti. Heutzutage kommt es immer mehr zu einer Zusammenarbeit dieser Gruppen, einer Vernetzung des Drogenhandels mit dem öffentlichen Sicherheitsapparat, mit dem Immobiliensektor", so der Pater. Sieben Jahre sind seit dem Massaker vergangen, "doch das tägliche Massaker geht immer weiter", so Lancelotti.

Die Obdachlosen würden in ihrem täglichen Kampf ums Überleben allein gelassen, staatliche Unterstützung werde ihnen verweigert, kritisiert er. Zudem komme es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen der Polizeikräfte sowie zu gezielten Morden durch Verbrecherorganisationen. "Die Straflosigkeit regt zur Wiederholung solcher Taten an", stellt Lancelotti fest. Im Mai 2010 war es zu einer weiteren Gewaltwelle gegen Obdachlose gekommen. Fünf unter einer Brücke schlafende Personen starben durch Revolverschüsse von Unbekannten.

Mahnwache für die Ermordeten

Zum Gedenken an das bis heute ungesühnte Verbrechen des Jahres 2004 und an die fortschreitende Gewalt gegen Obdachlose veranstalten Kirchen und Menschenrechtsorganisationen in der Nacht vom Freitag auf Samstag im Stadtzentrum von São Paulo eine öffentliche Mahnwache statt. Auch die Obdachlosenseelsorge São Paulos hat die Bevölkerung zur Teilnahme aufgerufen. Womöglich kommen auch einige Obdachlose, um für die Ermordeten Gerechtigkeit zu fordern. Laut Schätzungen leben unter den 12 Millionen Einwohnern São Paulos 14.000 von ihnen.

Autor: Thomas Milz (KNA)