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Ein Trittbrettfahrer der Emotionen

Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro ist der Profiteur der Copa America. Die Begleitumstände spielen ihm in die Hände.

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Brasilianische Nationaltrikots und Bolsonaro-Shirts. Foto: Tobias Käufer

Wenn es zutrifft, dass der letzte Eindruck immer haften bleibt, dann stehen die Chancen für Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro nicht schlecht. Am Sonntag, 7. Juli 2019, geht die Copa America mit dem Finale zwischen Brasilien und Peru zu Ende. Sollten die Gastgeber ihrer Favoritenrolle gerecht werden, dann wird es Bilder geben, die dem Präsidenten helfen. Jubelnde Brasilianer, die sich in den Armen liegen und endlich wieder einmal einen Pokal in die Höhe recken. Die Selecao, die endlich mal wieder im Maracana spielt und sich das Stadion damit von der korrupten FIFA und dem IOC emotional „zurückholt“.

Vorwurf: Olympische Spiele in Rio waren gekauft

Am Sonntag geht auch die Serie von sportlichen Großereignissen zu Ende: Confed-Cup 2013, der WM 2014, Olympia 2016 und der Copa America 2019. Dass ausgerechnet der allerletzte Tag nach all den Korruptionsskandalen, legendären Niederlagen (1:7 gegen Deutschland) und geplatzten Versprechen zu einem brasilianischen Triumph werden könnte, wäre wohl eine besondere Ironie der Geschichte. Am Donnerstag erhob der inzwischen inhaftierte ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro schwere Vorwürfe. Die Vergabe der Olympischen Spiele 2016 an Rio soll gekauft worden sein, behauptet Sergio Cabral, der während seiner Amtszeit selbst 70 Millionen Euro unterschlagen haben soll. Bolsonaros politischer Intimfeind, Brasiliens inhaftierter Ex-Präsident Lula da Silva, soll davon gewusst haben. Bolsonaro wird das ausschlachten, egal ob die Vorwürfe zutreffend sind oder nicht.

Nüchtern betrachtet war diese Copa America ein wirtschaftlicher Erfolg. Laut offiziellen Angaben haben die Veranstalter trotz einiger leerer Ränge bei den Vorrundenspielen dank der hohen Eintrittspreise so viel an Eintrittsgeldern eingenommen wie alle brasilianischen Vereine in den 89 Liga-Spielen der aktuellen Spielzeit zusammen. Es gab keine gewalttätigen Ausschreitungen, keine schwer bewaffneten Militärs, die die Copacabana bewachen mussten. Stattdessen kamen Familien mit ihren Kindern, die sonst fernbleiben, weil ihnen ein Stadionbesuch in der Liga wegen der ständigen Ausschreitungen zu gefährlich ist. Straßenhändler wurden von keiner Fanmeile vertrieben, denn es gab keine. Statt Budweiser und McDonalds (FIFA Sponsoren) wurden in den Stadien lokale Produkte verkauft.

Mit dem 2:0-Sieg Brasiliens über Argentinien gab es einen sportlichen Erfolg, welcher der nach der legendären 1:7-Schlappe gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 immer noch tief gekränkten und depressiven brasilianischen Fußball-Seele guttut.

Präsident Bolsonaro polarisiert

Bolsonaro springt auf den fahrenden Zug auf. Er ist nicht der erste Politiker, der das tut, aber wohl derjenige, der am konsequentesten versucht, diesen Imagetransfer herzustellen. Beim Halbfinale zwischen Brasilien gegen Argentinien schritt der Trittbrettfahrer der Emotionen die Tribüne ab, um sich feiern zu lassen. Argentiniens Verband beklagte sich anschließend über diese politische Kundgebung. Wer die Szene im Stadion live miterlebte, diesen ohrenbetäubenden Klangbrei aus „Mythos, Mythos-Rufen“ und gellenden Pfiffen, der hat eine eindrucksvolle Vorstellung davon bekommen wie polarisiert und gespalten die brasilianische Gesellschaft ist. Dieser Mann lässt niemanden kalt, er wird gehasst oder geliebt. Vor allem aber zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich.

Inzwischen hat er auch zwei wichtige Mitstreiter: Der ehemalige Weltfußballer Ronaldinho macht schon seit Monaten aus seiner Zustimmung für Bolsonaro keinen Hehl. Seit Copa-Beginn umarmt Bolsonaro auch den verletzten Superstar Neymar regelmäßig bei den Spielen der Selecao. Bilder, die im krassen Gegensatz zur internationalen Berichterstattung über Bolsonaro stehen und die den unentschlossenen Brasilianern signalisieren sollen: Seht her, der Mann ist gar nicht so gefährlich wie ihn die internationalen Medien machen.

Mit einem Finalsieg würde die vielleicht erfolgreichste Woche einer bislang glück- und strategielosen Präsidentschaft zu Ende gehen. Der Abschluss des EU-Freihandelsabkommens, das in Brasilien von vielen Medien deutlich positiver gesehen wird als in den europäischen Kommentaren. Eine Nationalmannschaft, die nach Jahren der sportlichen Demütigungen sich selbst und dem Maracana neues Leben und neuen Stolz einhaucht. Genau deshalb war am Mittwoch der Jubel am größten, als Bolsonaro die brasilianische Fahne nahm und sie durch die Luft wirbelte. Der Trittbrettfahrer nimmt Fahrt auf.

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