Ecuador |

Ein Flirt mit der Befreiungstheologie

Quito. Die Auswahl der Bilder ist gewöhnungsbedürftig: Portraits von Venezuelas Präsident Hugo Chávez und dessen brasilianischen Amtskollegen Luiz Inacio Lula da Silva schmücken den Schreibtisch von Rafael Correa ebenso wie das Konterfei von Papst Benedikt XVI. Jetzt hat sich Ecuadors Staatspräsident die katholische Kirche vorgenommen. Mit einem verbalem Rundumschlag im traditionsreichen Gemäuer der britischen Universität Oxford begann der sozialistische Regierungschef des südamerikanischen Landes eine hitzige Debatte über die Deutungshoheit der christlichen Lehre.

Correas ließ keinen Zweifel an seinen Forderungen: Papst Benedikt XVI. müsse eine neue Enzyklika mit sozialen Schwerpunkten entwerfen, da Kirche in ihrer Arbeit falsche Schwerpunkte lege. Statt sich zu sehr mit Fragen der individuellen Moral wie gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder der Abtreibung zu beschäftigen, sollte sie sich Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzen. Eben dies gelänge den linksregierten Ländern seines Heimatkontinents deutlich besser: "Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts, den wir in Lateinamerika aufbauen, fußt auf den Grundsätzen der Befreiungstheologie", erklärte der im Frühjahr wiedergewählte Präsident den überraschten Journalisten. Der 49 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler, der an der Katholischen Universität Guayaquil studierte, präsentierte sich bestens vorbereitet, zitierte aus verschiedensten Dokumenten der Kirchengeschichte und rühmte die Enzyklika Rerum Novarum (1891), die Ruf Leos XIII. als "Arbeiterpapst" begründete in den höchsten Tönen. Correa präsentiert sich in der öffentlichkeit als überzeugter Katholik und grenzt sich damit von seinen politischen Verbündeten und Amtskollegen Hugo Chávez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) oder Daniel Ortega (Nicaragua) deutlich ab. Der ecuadorianische Regierungschef setzt vielmehr auf eine inhaltliche Auseinandersetzung, statt auf verbale Tiefschläge mit denen vor allem Linkspopulist Chávez die Kirche immer wieder angreift. Correa geht in die Tiefe, ist mit der jüngeren Geschichte der Kirche in Lateinamerika aber auch in Rom vertraut.

Ecuadors Kirche brauchte einige Zeit, um sich nach dem offenbar wohlkalkulierten Angriff Ende Oktober erst einmal zu sammeln. Die Reaktion der ecuadorianischen Bischofskonferenz (CEC) fiel dann nicht weniger vehement aus: "Wir werden nicht den Fehler machen, und uns auf diese polemische Diskussion mit dem Präsidenten einzulassen", stellte CEC-Präsident Antonio Arregui Yarza klar und verwies auf die Trennung von Staat und Kirche in Ecuador. "Es ist nicht die Aufgabe des Präsidenten die Kirche in irgendeiner Form zu kontrollieren." Der Erzbischof von Erzbischof von Guayaquil wies vor allem die Kritik an der sozialen Ausrichtung der Kirche als ungerecht zurück: "Wir betreiben über 3000 soziale Einrichtungen in Ecuador." Wenig später ging der CEC-Präsident zum Gegenangriff über: "Es gibt im Lande eine tiefe Besorgnis darüber, dass die Kriminalitätsrate angestiegen ist, die Korruption wächst und die Bürgerrechte beschnitten werden."

Correa hat mit seinem Versuch sich als sozialistischer Christ zu positionieren, zumindest im eigenen Land eine Medienlawine losgetreten. Fast täglich machen die großen Zeitungen in Quito und Guayaquil den Streit zu Thema, in den Internetforen liefern sich die Gegner und Anhänger des Politikers heftige Diskussionen.

Bereits in seinem erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf hatten sich Correa und Arregui heftig gestritten: Vor allem im Punkt der Liberalisierung des Abtreibungsrechts gingen die Ansichten weit auseinander. Politische Beobachter in Ecuador begründen den Erfolg Correas, der Ende April bereits im ersten Wahlgang mit fast 52 Prozent wiedergewählt wurde, vor allem mit der Stärkung der Frauenrechte und seinem Versprechen für mehr soziale Gerechtigkeit. Eine von der katholischen Kirche gestartete Initiative gegen die von Correa erfolgreich durchgesetzte Verfassungsänderung verebbte dagegen wirkungslos.

Mit Spannung warten die Medien in Ecuador nun darauf, wie sich die Debatte weiterentwickelt. Ein Sprecher Correas bekräftige zuletzt noch einmal den Standpunkt des Präsidenten: "Er warte mit großer Spannung darauf, ob es aus Rom bald eine neue Enzyklika gebe, die klarstelle, dass der Menschen mehr Rechte habe, als das Kapital", hieß es aus dem Präsidentenpalast.

Autor: Tobias Käufer