Brasilien |

"Ein Bau für die nächsten 700 Jahre"

Acht Jahren Bauzeit, Unsummen Geldes und ungezählter Gelübde hat es bedurft - jetzt wird der Traum endlich wahr. An Allerseelen (Freitag, 2. November) werden Tausende Katholiken der Weihe der neu errichteten Kirche "Mae de Deus" (Mutter Gottes) beiwohnen, des größten Gotteshauses der Millionenstadt Sao Paulo. Hinter dem Millionen Euro teuren ehrgeizigen Projekt steht der Multi-Medienstar Padre Marcelo Rossi, eine Art Allzweckwaffe der Evangelisierung und Speerspitze der charismatischen Erneuerungsbewegung der katholischen Kirche in dem südamerikanischen Land.

Der auf einem Gelände von rund 30.000 Quadratmetern errichtete Kirchenkomplex bietet in seinem Inneren Platz für 20.000 Menschen und weitere 80.000 auf den Freiflächen. Damit ist Rossis Kirche eine Kandidatin auf den Titel des größten Gotteshauses Lateinamerikas. Für etwas mehr als zwei Millionen Euro hatte Rossi das Baugelände, eine ehemalige Bierfabrik, im Süden Sao Paulos 2004 erworben. Danach schoss er sämtliche Einnahmen aus seinen DVD- und CD-Verkäufen in das Projekt. Doch der ehrgeizige Kirchenbau verschlang Unsummen; die Einweihung verzögerte sich immer wieder. Über Jahre sah es so aus, als ob selbst die überwältigenden Einnahmen aus Rossis diversen Projekten nicht für die Fertigstellung ausreichen würden.

Dabei steht der 45 Jahre alte Priester stets für Superlative. Seit Ende der 90er Jahre hat er in Brasilien mehr als 14 Millionen CDs mit religiösen Popliedern verkauft und mit zwei Bibelfilmen Rekorde der brasilianischen Kinogeschichte gebrochen. Nebenbei erreicht er jede Woche Millionen Zuhörer durch seine TV-Messen und Radioprogramme. Nicht schlecht für einen ehemaligen Sportstudenten, der erst durch schwere Schicksalsschläge zum Glauben fand. Auf ihm ruhen die Hoffnungen der in Brasilien einst unangefochtenen, heute jedoch angeschlagenen katholischen Kirche, die Abwanderung von Hunderttausenden Gläubigen zu den charismatischen Pfingstkirchen stoppen zu können.

Mehr als acht Millionen Bücher verkauft

Rossi zieht dafür sämtliche Register der modernen Medienlandschaft. Seine sonntäglich auf "TV Globo" übertragenen Mitmach-Messen haben mitreißenden Karaoke-Charakter, während er seine Evangelisierungsarbeit gleichzeitig über soziale Internetmedien und das Radio vorantreibt. Sein größter Triumph kam ausgerechnet mit Hilfe eines eigentlich schon tot erklärten Mediums. Nach einem schweren Unfall, der den Padre über Monate ans Bett fesselte und ihm dadurch Gelegenheit zu tiefer Reflexion gab, veröffentlichte er Ende 2010 ein Buch.

"Agape" (griechisch Liebesmahl), reflektiert Gedanken über christliche Liebe, Brüderlichkeit, Freundschaft und Mitleid aus dem Johannesevangelium und transportiert sie mitten in die Alltagswirklichkeit der einfachen Menschen im Hier und Jetzt. In einem Land, dem stets der Ruf hoher Analphabetenquoten und geringer Zuneigung zum Medium Buch anhing, verkauften selbst Supermarktketten mit dem Slogan "Drei Bücher zum Preis von zwei" das Werk an ihren Kassen. Bis heute gingen so mehr als acht Millionen Exemplare über den Ladentisch. Doch Rossi legte geschickt nach und veröffentlichte eine Kinderbuchversion sowie die CD und DVD zum Buch. Mit den Millioneneinnahmen gelang doch noch das scheinbar Unmögliche: die Fertigstellung der "Mutter Gottes"-Kirche.

Ein 44 Meter hohes Kreuz thront über dem an einer der großen Schnellstraßen Sao Paulos gelegenen Gelände; das blauweiße Dach der Kirche erinnert ein wenig an ein Zirkuszelt. Charme sieht anders aus. Aber Rossi, selbst ein Kind der nüchtern grauen Megastadt, ist eher Pragmatiker als Ästhet - dafür aber ein ausgesprochener Visionär. Die Kirche werde Sao Paulos neues Postkartenmotiv werden, prophezeit er, und, wenig bescheiden: "ein Bau für die nächsten 700 Jahre".

Autor: Thomas Milz, Quelle: KNA