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E 10, hohe Benzinpreise? Kein Problem in Brasilien

Hohe Benzinpreise, Kopfzerbrechen, ob denn nun E10 der richtige Treibstoff fürs Gefährt ist? Solche Probleme sind in Brasilien Schnee von gestern. Das südamerikanische Land ist weltweiter Vorreiter auf dem Gebiet der alternativen Treibstoffe und mit 17 Milliarden Liter zweitgrößter Produzent von Ethanol weltweit.

Seit über 30 Jahren experimentiert das südamerikanische Land mit alternativen Treibstoffen, zunächst Alkohol aus Zuckerrohr für PKW, dann Biodiesel aus Pflanzenölen für Busse und Lastwagen. Den Anstoß gab die Erdölkrise in den 70er Jahren. Es war die Militärdiktatur, die damals die Entwicklung alternativer Brennstoffe zur Zielvorgabe machte. Die Technologie brauchte jedoch lange, bis sie ausgereift war, und als in den 80er Jahren der Handel mit Alkoholautos in Schwung kam, spekulierten die Zuckerbarone mit den Erntemengen und trieben die Preise in die Höhe. Das bremste die Nachfrage zunächst.

In den 90er Jahren kam dann der Aufstieg, rasant ging es dann seit der Einführung der „flex fuel" Mischmotoren, die sowohl mit Ethanol funktionieren als auch mit normalem Benzin oder jeder beliebigen Mischung aus beidem. Über zehn Millionen dieser Autos fahren bereits auf brasilianischen Straßen, 90 Prozent der Neuwagen sind damit ausgestattet und alle Hersteller – darunter auch VW und Mercedes - bieten diese Technologie in Brasilien an. Je nachdem, was gerade billiger ist, kann sich der brasilianische Autofahrer entscheiden, was er tankt.

Brasilien investiert in Biodiesel

Es war vor allem Dilma Rousseffs Vorgänger im Präsidentenamt, Luiz Inácio „Lula“ da Silva, der auf die brasilianische Technologie setzte, um Brasiliens Image international zu pushen und zum Weltmarktführer für das Nach-Erdölzeitalter zu werden. Er startete 2004 ein Biodieselprogramm, um auch die Nutzfahrzeuge umweltfreundlicher zu machen. Es sah – ähnlich dem deutschen Modell, zunächst die Beimischung von zwei Prozent Biokraftstoff zum normalen Diesel vor. Der Anteil soll schrittweise gesteigert werden, bis 2020 gar keine fossilen Brennstoffe mehr verwendet werden.

Um die "Raffineriekapazitäten" für Biodiesel zu erhöhen, investierte die Regierung rund vier Milliarden Dollar in den Bau 45 neuer Fabriken. Zugleich verkaufte Lula sein Programm als Beitrag zum Klimaschutz und zur Armutsbekämpfung, denn Kleinbauern würden beim Anbau der Rohstoffe unterstützt.

Erfolg mit Nebenwirkungen

Heute ist die Begeisterung für Biosprit etwas abgeflaut. Das liegt zum einen daran, dass vor der Küste Brasiliens gigantische Offshore-Erdölreserven entdeckt wurden – und das Land damit hofft, zu einem bedeutenden Erdölexporteur zu werden. Zum anderen sind viele Biotreibstoff-Träume inzwischen zerplatzt. Landvertreibungen, Sklavenarbeit auf den Zuckerrohrplantagen und die Abholzung der Urwälder bilden die hässliche Fratze des Booms.

Die Produktion ist in der Hand einiger Großkonzerne; Proteste der Umweltschützer weltweit gegen die „Verfeuerung von Nahrungsmitteln“ wie Zuckerrohr oder Sonnenblumenöl haben dazu geführt, dass die anfänglich begeisterte Europäische Union einen Rückzieher machte und nun eher auf Biotreibstoffe der zweiten Generation setzt, die aus Abfallprodukten der Nahrungsmittelproduktion wie Melasse gewonnen werden. Brasiliens Modell ist in vieler Hinsicht einzigartig – nicht einmal Ethanol-Marktführer USA produziert so billig, und in Europa fehlt schlicht die Anbaufläche für ausreichend viele Rohstoffe.

Man bleibt optimistisch

Aber Brasilien experimentiert weiter mit alternativen Treibstoffen. Der staatliche Erdölkonzern Petrobras hat längst eine Tochter, die sich nur mit alternativen Treibstoffen befasst. Der staatliche Flugzeugbauer Embraer baut ein alkoholbetriebenes Sprühflugzeug; auch wasserstoffbetriebene Busse rollen bereits auf den Straßen.

Die Zahlen sprechen für sich: 1978 musste Brasilien seinen Energiebedarf zu 85 Prozent aus Erdölimporten decken. 2010 stammten 46 Prozent aus erneuerbaren Quellen, vor allem Wasserkraft und Ethanol.

Autorin: Sandra Weiss