Nicaragua |

Durst und Dürren in einem wasserreichen Land

Nicaragua ist eines der wassereichsten Länder Lateinamerikas - und leidet unter starken Dürren. Foto: Neil Palmer (CIAT). CC BY-SA 2.0
Nicaragua ist eines der wassereichsten Länder Lateinamerikas - und leidet unter starken Dürren. Foto: Neil Palmer (CIAT). CC BY-SA 2.0

María Esther González gehört zu den Bewohnern der nicaraguanischen Hauptstadt Managua, die vom Wassermangel massiv betroffen sind. Sie lebt im Armenviertel Districto Uno, in dem die kostbare Ressource ganze zwei Stunden pro Tag aus dem Hahn kommt.

Wie sie berichtet, ist sie völlig übermüdet, weil sie seit vier Monaten keine Nacht mehr durchgeschlafen hat. Zu groß ist die Angst, dass sie die zweistündige Wasserfreigabe zwischen elf Uhr nachts und drei Uhr morgens verpassen könnte. Wenn dann das Wasser endlich kommt, ist sie mit dem Auffüllen der bereitgestellten Behälter beschäftigt. Außerdem nutzt sie die Gunst der Stunde, um zu waschen und zu putzen.

Manchmal kommt es vor, dass drei Tage lang nichts passiert. Dann schickt der Wasserversorger 'Enacal' Tankwagen in die durstigen Stadtteile Managuas. Auch der Name der nicaraguanischen Hauptstadt enthält das spanische Wort
für 'Wasser'. Die krasse Unterversorgung mit dem Nass führt immer wieder zu Protesten ganzer Stadtteile.

Trocken: Flüsse

Das Problem ist nicht allein auf die Hauptstadt begrenzt. In vielen Teilen des 6,1 Millionen Einwohner zählenden Landes - im Zentrum und im Westen - leiden tausende Familien darunter, dass ihre Brunnen und Flüsse ausgetrocknet sind, aus denen sie normalerweise ihr Wasser beziehen.

Arístides Álvarez vom unabhängigen Netzwerk der Komitees für Trinkwasser und Sanitärversorgung berichtet, dass in einigen Gemeinden im Departement Chinandega, 140 Kilometer nordwestlich von Managua, drei Flüsse in der Trockenzeit von November bis März kein Wasser mehr mit sich führten, auf das
mindestens 1.300 ländliche Familien angewiesen seien.

"Inzwischen müssen die Menschen auf der Suche nach Wasser große
Entfernungen zurücklegen. Diejenigen, die es sich leisten können, kaufen Wasser bei Bauern, die eigene Brunnen besitzen", erläutert er. "Es gibt aber viele Menschen hier, die viel zu arm sind, um sich Wasser und Nahrungsmittel
leisten zu können." Álvarez zufolge warten viele ländliche Familien verzweifelt auf Regen. Die Niederschläge im Mai seien viel zu selten, die Niederschlagsmengen zu gering gewesen.

Ruth Selma Herrera, ehemalige Geschäftsführerin von Enacal, führt das Problem auch darauf zurück, dass Investitionen in das marode Wasserversorgungssystem ausgeblieben sind. "Mindestens 150 Millionen US-Dollar werden für die Sanierung benötigt. Die Leitungen sind alt, und die dadurch bedingten Verluste riesig."

Gefürchtet: El Niño

Dem Klimaprognosezentrum des Nationalen Wetterdienstes der USA von Mitte Mai zufolge besteht zu 90 Prozent die Gefahr, dass zu allem Übel das Land und ganz Zentralamerika noch vom Klimaphänomen El Niño heimgesucht werden. El Niño ('Das Christkind') bezeichnet eine alle drei bis sieben Jahre vor der Küste Perus und Ecuadors auftretende untypische Erwärmung des Pazifiks, die Überschwemmungen und Dürren in den Tropen nach sich ziehen kann.

In Reaktion auf Warnungen, dass eine neue Dürre im Anzug ist, hat die Nicaraguanische Stiftung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung vor Nahrungsmittelengpässen im sogenannten 'Trockenkorridor' gewarnt, einer ariden Region im Nordosten und in der Mitte Nicaraguas, in der vorwiegend arme Menschen leben. Betroffen wären 33 der 153 Gemeindebezirke, die ohnehin schon unter geringen Niederschlagsmengen leiden.

In einem im April veröffentlichten Bericht über die diesjährige Wirtschaftssituation des Landes warnt die Stiftung vor Einbrüchen bei der Nahrungsmittelproduktion und vor einer ernsten Ernährungskrise. Es werde dürrebedingt zu Getreide- und Viehverlusten kommen, wie sie die mehr als eine Million Bewohner des Korridors schon im letzten Jahr erlitten hätten.

2014 hatte die Zentralregierung Nothilfe - Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente - in die Region geschickt. Die damalige Dürre ging ebenfalls auf El Niño zurück. Wie der Weltbankvertreter in Nicaragua, Luis Constantino, gegenüber der Zeitung 'La Prensa' betonte, verhandeln Weltbank und Regierung über einen Strategieplan für den ariden Korridor. "Wir konzentrieren uns dabei auf Wassermanagementprogramme", erklärte er. Man habe eine Expertenkonferenz vorgeschlagen, um die Optionen für den trockenen Korridor zu diskutieren. Es gelte sicherzustellen, dass die Lokalregierungen über ausreichend Wasser zur Versorgung der Bevölkerung verfügten. Ebenso
wolle man über die Versorgung der Land- und Viehwirtschaft mit Wasser reden.

Kaum aufzuhalten: Landverödung

Nicaragua verfügt über die beiden größten Seen Zentralamerikas: den 1.052 Quadratkilometer großen Xolotlán- und den 8.138 Quadratkilometer großen Cocibolca- oder Nicaragua-See. Hinzu kommen 26 Lagunen, mehr als 100 Flüsse, vier Wasserreservoire und fünf der 19 größten Wassereinzugsgebiete der Region. Verschärft wird das Wasserproblem durch das Ausmaß einer Bodenerosion, die um das Zehnfache über dem Wert liegt, der eine optimale Nahrungsmittelproduktivität möglich macht.

Das Internationale Zentrum für tropische Landwirtschaft (CIAT) berichtet, dass Nicaraguas Landverödung durch die Umwandlung von Wäldern in Weideflächen in einer Geschwindigkeit stattfinde, die kaum noch aufzuhalten sei. Die maximale Toleranzschwelle, was den Bodenverlust durch eine nicht nachhaltige Bodenbewirtschaftung angeht, beträgt vier Tonnen pro Hektar und Jahr. Doch in Nicaragua sind es 40 Tonnen, berichtete der CIAT-Wissenschaftler Carlos Zelaya auf einem Umwelt-Workshop in Managua im Mai.

Die Weltagrarorganisation FAO hat das Ausmaß der Krise bestätigt. "In Nicaragua liegt die Landdegradation bei 30 Prozent, im Westen sogar bei 35 Prozent", sagte der FAO-Faszilitator für Ernährungssicherheit, Luis Mejía.

"Wird der Bodenerosion nicht Einhalt geboten, wird uns in weniger als 50 Jahren niemand mehr Nicaragua nennen", so der nicaraguanische Wissenschaftler und Präsidentenberater Jaime Incer Barquero. "Dann wird Wasser nichts weiter als eine Erinnerung sein."

Autor: José Adán Silva
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann
Quelle: IPS
Foto: Neil Palmer (CIAT). CC BY-SA 2.0