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Dürre, Fluten, Katastrophen

Rekorddürren im Nordosten und im Süden, Rekordhochwasser in den nördlichen Amazonasgebieten: Gut einen Monat vor der Neuauflage des Klimagipfels von 1992, der "Rio+20"-Konferenz in Rio de Janeiro, schlägt das Wetter in Brasilien heftige Kapriolen. Besonders betroffen ist das Hinterland des ohnehin schon äußerst armen Nordostens. Hier warten rund zwölf Millionen Menschen dringend auf Regen; ein Großteil der Ernten ist bereits vernichtet. Früher hat eine solche Trockenheit zu Plünderungen, Gewalt und Flucht aus der Region geführt. Auch deshalb versuchen staatliche Sozialprogramme, die Not der Menschen wo möglich zu lindern.

Früher trieben Dürren Millionen Menschen aus dem Nordosten fort, meist hinab in den reichen Südosten - nachzulesen etwa in Rachel de Queiroz Familiensaga "Das Jahr 15" über die Jahrhundertdürre von 1915. Die derzeitige Dürre könnte laut Experten noch extremer werden. Der Niederschlag der vergangenen Monate liege um die Hälfte unter dem Durchschnitt.

"Vergleicht man diese Dürre mit der von 1993, so ist die aktuelle zweifellos wesentlich schlimmer", sagt auch Diolando Saraiva von der Nichtregierungsorganisation Caatinga. Dennoch seien die direkten Auswirkungen auf das Leben der Menschen wesentlich geringer. Millionen armer Familien erhalten monatliche Zahlungen aus Hilfsprogrammen der Regierung, allen voran dem "Bolsa Familia" (Familienstipendium), soziales Flagschiff des einstigen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva (2003-2011).

Vielen wird so trotz geschätzter Ernteausfälle von mehr als fünf Milliarden Euro das Überleben möglich. Wo das nicht ausreicht, setzen andere, teils erst kürzlich unter Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff aufgelegte Programme gegen extreme Armut sowie Kleinstkredite für Kleinbauern an.

Die Menschen des trockenen Hinterlandes seien sich heute ihrer Rechte auf staatliche Hilfsleistungen bewusst - und forderten diese auch selbstbewusst ein, erklärt der Wissenschaftler Eliel Torres vom Agrarinstitut des besonders arg betroffenen Bundesstaates Pernambuco. "Früher waren die Menschen froh, überhaupt etwas zu essen zu haben", so Torres. Heute bestünden sie trotz der Dürre auch auf der Aufrechterhaltung des Schulunterrichts für ihre Kinder - einer weiteren Errungenschaft der vergangenen Jahre.

Bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten Klimaforscher eine Erhöhung der durchschnittlichen Temperaturen in Brasilien um zwei bis fünf Grad Celsius. Dies würde zu einer großflächigen Versteppung des Landes und damit zu Ernteausfällen von Hunderten Milliarden Euro führen. Die Versteppung wird solchen Prognosen zufolge auch große Teile des Amazonasregenwaldes betreffen. Bereits seit der Jahrhundertwende werden in der Region extreme Wetterlagen aufgezeichnet, die sich in immer kürzeren Abständen wiederholen. So hat das derzeitige Hochwasser in der Region um die Amazonasmetropole Manaus bereits die "Jahrhundertflut" von 2009 übertroffen und den höchsten Stand seit Beginn der Messungen vor 110 Jahren erreicht.

Dem stehen "Rekorddürren" in den Jahren 2005 und 2010 gegenüber, die die sonst gewaltigen Amazonasflüsse komplett trocken legten. Klimaforscher sehen generell einen Zusammenhang zwischen extremen Dürren an einem Ende Brasiliens bei gleichzeitigen Rekordniederschlägen am anderen Ende - wobei stets die unter den Namen "El Nino" und "La Nina" bekannte Erwärmungen bzw. Abkühlungen des Pazifiks verantwortlich gemacht werden.

Ob als neues Phänomen nun noch eine Erwärmung des Atlantiks dazu gekommen sein könnte, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Immerhin dürften die Wetterkapriolen Mitte Juni ein Thema bei "Rio+20" sein. Hier wird der Gastgeber Brasilien auch seine Sozialprogramme als Schlüssel zur Armutsbekämpfung preisen. Doch je mehr das Klima kippt, desto weniger dürften auch sie greifen.

Quelle: Thomas Milz, KNA

Tal in Pernambuco, im Nordosten Brasiliens. Foto: Mere/Adveniat.