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Drogenmafia überzieht Kingston mit blutiger Gewalt

Die Schlacht begann, als Jamaikas Premierminister Bruce Golding grünes Licht für die Auslieferung gab. Seither brennen in den Armenvierteln von Kingston die Barrikaden. Sicherheitskräfte und Killer liefern sich blutige Straßenschlachten mit schwerem Geschütz, Polizeistationen gehen in Flammen auf, und die Situation auf der Karibikinsel droht außer Kontrolle zu geraten. Die Drogenmafia fordert offen den Staat heraus. Ihr Ziel ist es, die Auslieferung des Drogenbosses Christopher „Dudus“ Coke in die USA zu verhindern. „Wir werden den Kriminellen keinen Triumph gönnen“, drohte Premierminister Bruce Golding am Montag nach Verhängung des Ausnahmezustands.

Epizentrum der Auseinandersetzungen war West Kingston, wo einst Reggaesänger Bob Marley aufgewachsen war, doch am Montag griff die Gewalt auch auf andere Viertel über. Im Stadtzentrum kam es zu Plünderungen, Bewaffnete blockierten eine Brücke zwischen Montego Bay und Kingston, wie die Polizei mitteilte. Die USA erließen eine Reisewarnung und der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Jose Miguel Insulza, zeigte sich äußerst besorgt und bot dem Karibikstaat die Hilfe seiner Organisation an. „Das Organisierte Verbrechen bringt unsere demokratischen Institutionen in Gefahr“, warnte Insulza. Die Situation erinnert an Kolumbien in den 80er Jahren, als Drogenbosse einen blutigen Krieg vom Zaun brachen, um sich einem Auslieferungsgesetz zu widersetzten.

Dudus hat nach Ermittlungen der US-Justiz das Geschäft von seinem verurteilten und im Gefängnis gestorbenen Vater übernommen und ist nun Chef eines internationalen Drogenkartells, das jährlich mit dem Schmuggel von Marihuana, Kokain und Crack Millionen umsetzt. Er soll 1400 Menschenleben auf dem Gewissen haben. In den Armenvierteln wird der 41jährige verehrt wie ein Held. Er gilt als großzügiger Pate, der Bedürftige unterstützt, Arztbesuche bezahlt und Schulspeisungen durchführt. Seine Gang Showe Posse, hervorgegangen aus einem ehemaligen politischen Stoßtrupp der regierenden Arbeiterpartei in den Armenvierteln, hat auch in den USA Anhänger. Eigentlich hatte die US-Regierung die Auslieferung Dudus schon vor einem Jahr beantragt, doch bis dato hatte sich Golding dem Ansinnen widersetzt – offenbar aus Furcht vor kompromittierenden Enthüllungen. In einem Report des US-Außenministeriums hieß es Anfang des Jahres, die grassierende Korruption in Politik und den Häfen von Kingston leisteten dem Drogenhandel Vorschub.

Die Polizei geht davon aus, dass sich den Killern von Dudus weitere Kriminelle des 2,8 Millionen Einwohner zählenden Eilandes angeschlossen haben und bereitete am Montag eine großangelegte Attacke auf das Viertel Tivoli Gardens vor, der Hochburg Dudus. Zuvor hatte ein Sprecher die „unbescholtenen und die Gesetze respektierenden“ Anwohner der Viertel Tivoli Gardens und Denham Town aufgefordert, umgehend ihre Häuser zu verlassen. Doch da waren die Fronten längst verhärtet. Viele besorgte Anwohner meldeten sich bei den örtlichen Radios und erklärten, sie fürchteten um ihr Leben, wenn sie einen Fuß auf die Straße setzten. Einige berichteten am Montagnachmittag von Schießereien und Leichen auf den Straßen. „Ich brauche Hilfe, vor meinem Haus liegen eine tote Frau und ein Mädchen“, sagte ein Nachbar einem Radiosender, während im Hintergrund Schüsse und das Knattern von Helikoptern zu hören waren. Polizeichef Owen Elliington hatte seine Untergebenen angewiesen, nicht zu zögern, wenn sie in Gefahr seien.

Autorin: Sandra Weiss