|

Drogenmafia richtet Blutbad unter 72 Migranten an

Zuerst schenkten die Militärs dem verletzten, gehetzten Ausländer nicht viel Glauben. Er sei einem Massaker entkommen, erzählte der junge Mann aus Ecuador in der Nacht zum Mittwoch den Uniformierten am Kontrollposten in San Fernando im nordmexikanischen Bundesstaat Tamaulipas. Killer des Drogenkartells der Zetas hätten eine Gruppe von Migranten entführt und dann erschossen. Schließlich schickten die Militärs ein Aufklärungsflugzeug zu dem angegebenen Ort – und wurden von dem einsamen Gehöft aus beschossen. Zur Verstärkung wurden zwei Hubschrauber und Bodentruppen gerufen, bei dem anschließenden Feuergefecht starben drei der mutmaßlichen Killer und ein Soldat, ein Minderjähriger wurde am Tatort festgenommen. Als die Soldaten den Hof betraten bot sich ihnen ein grausiges Schauspiel: Blutüberströmte Leichen von 58 Männern und 14 Frauen, manche sitzend, andere liegend übereinandergestapelt. 21 Schusswaffen, mehr als 6000 Patronen, Tarnkleidung, kugelsichere Westen und vier Geländefahrzeuge, darunter eines mit geklonten Kennzeichen der Armee, wurden beschlagnahmt. Aus den herumliegenden Dokumenten ging rasch hervor, dass es sich um ausländische Migranten handelte, aus Brasilien, Ecuador, El Salvador und Honduras, die auf dem Weg in die USA waren.

Gefährlicher Weg ins Traumland USA

Weitere Einzelheiten gaben die mexikanische Regierung und die Armee zunächst nicht bekannt. Der verletzte Augenzeuge hatte Medienberichten zufolge erklärt, die Zetas hätten die Migranten erpressen wollen und nach deren Weigerung das Feuer eröffnet. Er sei entkommen, weil er sich tot gestellt habe. Die Botschaften der betroffenen Länder entsandten Mitarbeiter nach Tamaulipas, um die Ermordeten zu identifizieren und in ihre Heimatstaaten zu überführen. „Der Vorfall zeigt, welchen Gefahren und welcher Gewalt die Mittelamerikaner auf ihrem Weg in die USA ausgesetzt sind“, erklärte die Menschenrechtsorganisation amnesty international und forderte den mexikanischen Staat auf, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Alleine in diesem Jahr wurden 43.700 Ausländer auf ihrem Weg durch Mexiko in Richtung USA festgenommen; 40.000 kamen aus Mittelamerika. Schätzungen zufolge versuchen jährlich 200.000 Mittelamerikaner, in die USA zu gelangen.

Nicht-Regierungs-Organisationen haben schon vor einiger Zeit eine Verquickung von Drogen- und Menschenhandel publik gemacht und von Bedrohungen, Erpressungen und Entführungen von Migranten auf mexikanischem Staatsgebiet durch bewaffnete Gruppen insbesondere die Zetas gewarnt. Die schutzlosen Migranten sind demnach eine leichte Beute für die Drogenmafia, um Geld zu erpressen. Frauen würden als Arbeitssklavinnen benutzt oder zur Prostitution gezwungen. Es hat demnach auch Versuche gegeben, die Migranten für den Drogenhandel einzuspannen. Menschenrechtsgruppen, die Migranten beschützen, wurden von den Zetas bedroht. Nach Angaben der Nationalen Menschenrechtskommission wurden in den vergangenen zwei Jahren fast 10.000 Entführungen von Migranten registriert. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Regierung sieht sich in ihrer Strategie gegen Drogenmafia bestätigt

Die Regierung verurteilte das Blutbad, sah sich dadurch aber in ihrer Strategie des frontalen Kampfes gegen die Drogenmafia bestätigt. „Sollte die Version des Augenzeugen einer Überprüfung standhalten, wäre dies eine Bestätigung dafür, dass die Kartelle in Geldnöten sind und sich deshalb neue Einnahmequellen erschließen müssen“, sagte Regierungssprecher Alejandro Poiré. Der Bundesstaat Tamaulipas ist eine der Hochburgen der Kartelle. Vor zwei Monaten wurde dort der Anwärter auf den Gouverneursposten vermutlich von Auftragskillern eines Kartells erschossen. In Tamaulipas liefern sich das Golfkartell und die Zetas einen blutigen Kampf um die Kontrolle der Schmuggelrouten. Die Zetas sind eine ehemalige militärische Elitetruppe, die sich 1999 in den Dienst der Kartelle stellte und wesentlich zu deren Professionalisierung beitrug. Vor einigen Jahren machten sie sich selbstständig.

Autorin: Sandra Weiss