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"€žDon Emilio, bitte für uns"€?

Eine Grabplatte mit einem schwarzen Holzkreuz. Eine kleine Kapelle mit unzähligen brennenden Kerzen. Eine aufgeschlagene Bibel und auf ihr ein Kruzifix. Frische Blumen. Votivtafeln, wohin das Auge blickt. „Tausendfach Danke für Gebetserhörung“ steht darauf oder „Beschütze meine Tochter für immer“. Was sich da in einer entlegenen Ecke des Friedhofs von Playa Ancha in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso befindet, sieht aus wie ein „normales“ Heiligengrab irgendwo in Lateinamerika.

Bewunderung für den Ganoven

Der Grabinsasse, der hier jedoch seine letzte Ruhestätte mit bestem Blick auf den pazifischen Ozean gefunden hat, war nach offizieller Geschichtsschreibung alles andere als ein Heiliger. Im Jahr 1907 wurde er wegen Mordes an vier Geschäftsleuten durch Erschießen hingerichtet. Emile Dubois, wie sich der mysteriöse französische Einwanderer nannte, beteuerte bis zuletzt seine Unschuld. Bei seiner Erschießung verweigerte er kühn, sich die Augen verbinden zu lassen, Stattdessen riet er seinen Henkern, „gut auf das Herz zu zielen“. So viel Heldenmut kam an im Volk. Schnell ergriffen die „porteños“, wie sich die Bewohner Valparaísos stolz nennen, Partei für den stets elegant gekleideten und eloquent sprechenden Ganoven. Man erzählte sich, „Don Emilio“ habe den Reichen gestohlen, um den Armen zu helfen. Jeder Zweifel an der Unschuld „Don Emilios“ verschwand, als der chilensiche Präsident Pedro Montt kurze Zeit später nach einer Frankreich-Reise an einer rätselhaften Krankheit starb. Don Emilio, so war schnell klar, wirke aus dem Jenseits weiter und bestrafe Ungerechtigkeit.

Blühende Halbwelt

In Valparaíso blüht seit jeher die Halbwelt. Ehemals eines der Rotlichtzentren der südlichen Erdhalbkugel, gehört diese Zeit jedoch wie so vieles in der Hafenstadt schon seit längerem der Vergangenheit an. Nur ab und an sieht man in die Jahre gekommene Prostituierte, die in heruntergekommenen Hafenspelunken auf ein paar alte Matrosen warten. Doch auch die Huren haben ihre eigene „Heilige“. „Rosita“ war einst eine von ihnen. Da ein Seemann mit ihren „Diensten“ jedoch nicht zufrieden war, warf er sie zum Fenster heraus und verlangte eine neue Prostituierte. Der Seemann verließ die Hafenstadt anschließend samt seinem Schiff. „Rosita“ blieb Valparaíso hingegen für immer erhalten – als Volksheilige. Zwar ist ihr Altar im Hafenviertel kaum größer als die an ihm vorbei streunenden Straßenhunde, die „porteños“ schenken „Rosita“ jedoch immer wieder frische Blumen und Kerzen.

Bei so viel Legendenbildung wundert es auch nicht, dass Valparaíso ein anonymes „Heiligtum“ hat. In der Calle Muñoz Hurtado befindet sich ein kleiner Altar, von dem keiner weiß, für wen er eigentlich ist. Zur Sicherheit wird er von den „porteños“ jedoch trotzdem verehrt.

Protest der Kirche

Für die offiziellen Heiligen war es noch nie leicht, gegen „Don Emilio“, „Rosita“ und die anderen anzukommen. Während der Heilige Dominikus und der Heilige Franziskus sich in ihren Kirchen versteckten, waren diese „animitas“ immer da, wo die Menschen leben. Alle Versuche, die Volksheiligen zu zerstören, waren hoffnungslos. Auf dem Friedhof Playa Ancha kam es zu Menschenaufläufen und Unterschriftaktionen, als Emile Dubois in ein Massengrab für Kriminelle verlegt werden sollte. Die Kirche versuchte auch, „Rosita“ wegen ihres lästerlichen Lebenswandels die Vorbildfunktion abzusprechen. Dieser Versuch war jedoch genauso sinnlos wie das Zerstören des Altares der anonymen „animita“. Während „Rosita“ in den Herzen der porteños verwurzelt blieb, tauchte das anonyme „Heiligtum“ an irgend einem anderen Ort der Stadt auf mysteriöse Art und Weise immer wieder auf. Schließlich gab man auf und ließ die „animita“ dort, wo sie war.

Unheiliges Ritual

Die „porteños“ haben jedoch nicht nur „Heilige“, sondern auch das Gegenteil. Martin Busca ist ein Nachbar von Emile Dubois auf dem Friedhof von Playa Ancha. Martin Busca war kein schlechter Mann. Im Gegenteil soll er mit seinem beträchtlichen Reichtum soziale Werke gestiftet haben. Sein 1945 als Mausoleum angelegtes Grab zeigt jedoch eine Kuriosität. Sein steinerner Sarg ist so angeordnet, dass er über der Erde liegt – getragen von vier sechszehigen Drachenfüßen. Schnell begann man sich im Volk zu erzählen, dass der Ursache hierfür in einem Pakt mit dem Teufel liege. Als Gegenleistung für seinen Reichtum soll der Teufel Martin Busca die Bedingung abgenommen haben, dass er nie in der Erde Ruhe fände. So sei es für den Teufel leichter, seine Seele irgendwann abzuholen. Während Martin Busca also immer noch auf den Teufel wartet, treffen sich die „porteños“ an seinem Grab zu einem ganz und gar unheiligen Ritual. Hier wünscht man dem ungeliebten Nachbarn oder dem untreuen verflossenen Partner Unglück.

Der mutmaßliche Serienmörder Emile Dubois ein paar Gräber weiter oben hat da einen ungleich angenehmeren Job. Er darf sich darum kümmern, dass die Oma gesund wird und der Sohn seinen Universitätsabschluss schafft. Vielleicht gelingt es „Don Emilio“ ja vom Jenseits aus, einiges von dem wieder gut zu machen, was er auf Erden verbockt hat. Die Menschen werden jedenfalls nicht aufhören, zu ihm zu beten.

Autor: Sebastian Grundberger, Chile