Bolivien, Brasilien |

Diskussionen um weiteres Wasserkraftwerk in Amazonien

Mitte Juni wurde im bolivianischen Cochabamba ein internationales Expertentreffen einberufen. Anlass dafür war die Absicht der bolivianischen Regierung, in Cachuela Esperanza an der Grenze zu Brasilien ein weiteres Wasserkraftwerk zu errichten. Brasilianische, peruanische und bolivianische Experten und Journalisten diskutierten über mögliche soziale und Umweltauswirkungen derartiger Megaprojekte. Thema war zudem auch die Rolle Brasiliens bei der Finanzierung und Promotion von Wasserkraftwerken.

80 Prozent der Energie gehen nach Brasilien

Die staatliche Energiegesellschaft Boliviens (ENDE) ließ durch den Ingenieur Marcos Escobar verlauten, das Staudammprojekt genieße nationale Priorität und solle zur Entwicklung des Nordens von Bolivien beitragen. Das Wasserkraftwerk soll 900 Megawatt Strom liefern. Achtzig Prozent davon werden nach gegenwärtigem Stand nach Brasilien verkauft, so Escobar, der andererseits bestätigte, dass soziale und Umweltauswirkungen durch das geplante Großvorhaben unvermeidbar seien. Man arbeite jedoch daran, diese zu verringern.

Äußerst kritisch sieht hingegen Walter Justiniano, unabhängiger Berater und Umweltingenieur, das Vorhaben. Er stellte in Frage, ob der Bau eines Kraftwerks ausreichend positive Auswirkungen habe. Laut einer Studie auf Basis der vorhandenen Projektunterlagen sei das Wasserkraftwerk nicht in der Lage, für die bolivianischen Städte Cobija, Guaramerin und Riberalta, die sich in der Nähe des Kraftwerks befinden, ausreichend Strom zu produzieren der zudem auch noch preiswert sei.

Hohe soziale und Umweltkosten für Bolivien

Justiciano wies auf hohe soziale und Umweltkosten hin, die Bolivien zu tragen hätte: Es würden Fische sterben, durch die Überschwemmung großer Gebiete müssten viele Familien umgesiedelt werden, Kleinbauern und Viehzüchter würden ihre Einkommensgrundlage verlieren, so der Umweltingenieur. Dies alles geschehe jedoch nur, um Energie ans Nachbarland Brasilien zu liefern, die auch noch billiger sei, als in Bolivien selbst.

Der brasilianische Sozialforscher Guillerme Carvalho von der Organisation FASE wies außerdem darauf hin, dass Brasilien deutlich die Strategie verfolge, seine nationalen Unternehmen in transnationale Firmen zu wandeln. Die Großinitiative zur regionalen Integration Südamerikas IIRSA (jetzt COSIPLAN) nutze Brasilien, um sich Zugang zu den Märkten der Nachbarländer zu verschaffen und diese letztlich zu kontrollieren. Gleichzeitig versuche Brasilien Infrastrukturprojekte voranzutreiben, die den eigenen Interessen am internationalen Markt dienten.

Schuldenberg statt Strom

„Die Regierungen bitten die brasilianische Entwicklungsbank BNDES um Kredite und erhöhen dadurch ihre Auslandsschulden um Projekte durchzuführen, die mehrheitlich an Privatfirmen vergeben werden. Das heißt, das Land erhöht seine Auslandsschulden um private Investorengruppen des eigenen Landes oder aus Brasilien zu unterstützen“, wird der Experte in regionalen Pressemeldungen zitiert.

Carvalho erinnerte auf dem Treffen auch an die Auswirkungen der Megaprojekte Jirau und San Antonio im brasilianischen Bundesstaat Rondonia. Indigene Gemeinschaften und bäuerliche Ansiedlungen hätten mit dem Verschwinden von Tierarten zu kämpfen, während durch den Bau der Staudämme gleichzeitig neue Krankheiten in die Region eingeschleppt worden seien. Auch das Recht auf Arbeit werde verletzt und viele Frauen und Mädchen zur Prostitution gedrängt.

Sowohl die Kraftwerke in Jirau und San Antonio, wie auch das geplante Wasserkraftwerk in Cachuela Esperanza seien Teil einer Reihe von Projekten zum Bau von Wasserkraftwerken, die Brasilien im Einzugsgebiet des Rio Madera vorantreibe, erklärte Carvalho.

Quelle: AININ in Servindi; Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer

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