Haiti |

"€?Diese Katastrophe birgt eine groüe Chance"€?

Interview mit dem Haiti-Kenner und ehemaligen UN-Missionschef im Karibikstaat (1996-1997), dem Venezolaner Enrique Ter Horst.

Die UNO hatte zum Unglückszeitpunkt 9000 Soldaten und Zivilisten im Rahmen der Minustah-Mission auf Haiti, doch Berichten aus Port-au-Prince zufolge sind sie kaum präsent, war die Minustah nicht auf solche Katastrophen vorbereitet?

Die Infrastruktur der UNO wurde durch das Beben ebenfalls schwer beschädigt, daher scheint auch die Minustah mit der Lage überfordert. Das hat US-Präsident Barack Obama schnell verstanden und seine Soldaten mobilisiert. Die US-Kräfte sind essentiell, um jetzt für Ordnung zu sorgen.

Es scheint gewisse Rivalitäten zwischen Brasilien, das die Minustah anführt, und den USA zu geben hinsichtlich der Frage, wer die Führungsrolle übernimmt.

Die Amerikaner sind näher dran und kennen Haiti viel länger. Letztlich wird derjenige, der mehr Geld, Soldaten und Helfer zur Verfügung stellt, die Kontrolle übernehmen. Und das scheinen die Amerikaner zu sein. Allerdings haben auch sie bisher offenbar die Lage noch nicht unter Kontrolle. Die Koordination der Hilfe ist nun die große Herausforderung.

Sehen Sie die Gefahr von Meutereien und Plünderungen?


Ja, die Gefahr existiert. Es kam schon zu ersten Plünderungen, und der Unmut wächst. Die Situation ist sehr heikel. Auch die Seuchengefahr ist immens.

Welches sind die großen Herausforderungen für Haiti?


Die große Armut, die defizitäre öffentliche Infrastruktur und der sehr schwache Staat. Port-au-Prince ist ein völlig unregierbarer Moloch, der ohne jegliche Planung in kurzer Zeit auf zwei Millionen Menschen anwuchs. Die Bauten sind sehr prekär, was das Ausmaß der jetzigen Katastrophe erklärt. Und natürlich die zerstörte Umwelt. Wenn man in der Regenzeit über Haiti fliegt, sieht man, wie die ganze fruchtbare Erde von den Flüssen ins Meer geschwemmt wird. Es sieht aus, wie wenn das Land verblutetet. Das hat damit zu tun, dass die Wälder fast vollständig abgeholzt wurden, weil Holzkohle bis heute der wichtigste Brennstoff ist.

Seit 1993 gibt es UN-Missionen in Haiti und immer wieder großangelegte Hilfsprogramme und Geberkonferenzen. Warum hat all die ausländische Hilfe offenbar nicht gefruchtet?

Das liegt an beiden Seiten. Einerseits sind die Haitianer sehr stolz und nationalistisch, sie wollen alles alleine machen und bremsen deshalb die internationalen Projekte aus. Sie reagieren sehr empfindlich, wenn etwas nach Interventionismus aussieht. Jedes Vorhaben muss erst vom zuständigen Ministerium genehmigt werden und hängt dort oft fest. Die internationale Gemeinschaft kennt dieses Problem schon seit langem, hat aber nicht entsprechend reagiert.

Welche Strategie bräuchte Haiti, um auf die Beine zu kommen?


Eine Art Marshall-Plan, der die grundlegende Infrastruktur aufbaut, also Straßen, Häuser, Hospitäler. Es gibt viel Potenzial auf Haiti, etwa in der Fertigungsindustrie. Die Haitianer sind sehr fleißige, geschickte Arbeiter. Auch der Export von Früchten oder des exzellenten Kaffees bieten interessante Nischen. Dazu müsste man aber ein großes Wiederaufforstungs- und Umweltschutzprogramm einführen und eine stringente Wirtschaftsstrategie entwerfen.

Wie kann man das bewerkstelligen, wenn sich offenbar beide Seiten gegenseitig blockieren?

Das ist ein Problem. Besonders in konservativen Kreisen wird daher gerne davon gesprochen, Haiti in ein Protektorat der internationalen Gemeinschaft zu verwandeln. Aber das ist natürlich heutzutage und im Lichte der Souveränitäts-Doktrin der UNO nicht machbar. Es müsste ein großes Rahmenabkommen zwischen dem Staat und der Internationalen Gemeinschaft geben, in dem die Haitianer ihre Prioritäten festsetzen und die internationale Gemeinschaft diese dann selbständig ausführt.

Haben nicht auch internationale Rivalitäten und bürokratische Ineffizienz oft eine effektivere Hilfe verhindert?

Ich habe den Eindruck, dass sie im Lichte dieser Tragödie in den Hintergrund treten. So hat beispielsweise Kuba den Hilfsflugzeugen der USA die Überflugerlaubnis erteilt. Hoffentlich wächst durch das Erdbeben das Bewusstsein, dass Haiti eine offene Wunde der westlichen Hemisphäre ist. Diese Katastrophe birgt die große Chance, die bisherigen Entwicklungsblockaden zu überwinden, wenn sich beide Seiten ihrer bewusst werden und entsprechend handeln.

Die Fragen stellte Sandra Weiss.