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Die Wiederbelebung von Simon Bolívars Traum

Nach zwei Tagen abschließender Gespräche und Verhandlungen haben die Vertreter von 33 Ländern der Region am Samstag in Caracas den Gründungsvertrag der Gemeinschaft der Staaten Lateinamerikas und der Karibik (CELAC) unterzeichnet. Die CELAC ist das erste Integrationsbündnis der Region, was alle Länder des Subkontinents vereint und die USA sowie Kanada außen vor lässt. Es gilt damit als Gegenentwurf zur Vereinigung amerikanischer Staaten, in der die USA relativ Einfluss haben. Ziel der neu geschaffenen Gemeinschaft ist die wirtschaftliche, soziale und politische Integration in der Region.

Die Präsidentschaft übernimmt für das erste Jahr das chilenische Staatsoberhaupt Sebastian Piñera. Der Initiator der CELAC Hugo Chávez setzt besonders große Hoffnung in die Zukunft der CELAC. In seiner Eröffnungsrede sagte er: „Wir greifen den Traum von Simon Bolívar wieder auf“. Mit diesem Zitat und der Bezugnahme auf die 200 Jahre alte Idee eines vereinten Lateinamerikas macht Hugo Chávez, neben der klaren Distanzierung von den USA und Kanada, auch deutlich, dass die CELAC eine andere Art von Integrationsbündnis darstellen soll, als die unzähligen, die es in der Region bereits gibt.

Handelsliberalsierung als Integrationsmotor

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Integrationsbemühungen in Lateinamerika und der Karibik kaum politisch, sondern vornehmlich wirtschaftlich bemüht. Bis zur Schuldenkrise in den 1980er Jahren schlossen sich viele Regierungen zu Freihandelszonen zusammen, um in Zeiten der Importsubstituierenden Industrialisierung (ISI) und der Abkopplung vom Weltmarkt die eigenen Binnenmärkte zu vergrößern. Namentlich entstanden in dieser ersten Phase der Integration vor allem der gemeinsame Zentralamerikanische Markt und die Andengemeinschaftt (CAN). Mit dem Zusammenbruch der ISI und dem Bankrott eines Großteils der lateinamerikanischen Länder verschwanden die Staatenbündnisse in der Versenkung.

Eine Wiederbelebung unter neuen Vorzeichen erlebt die Idee der Integration in den 1990er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Staaten der Region vor allem wirtschaftlichen Reformen unterzogen und die Idee des ökonomischen Liberalismus hat Einzug gehalten. Dementsprechend spielte die verstärkte Einbindung in den Weltmarkt eine immer größere Rolle. Vor diesem Hintergrund wurden die bereits vorhandenen Integrationsbündnisse dazu genutzt, um die eigene Position auf dem Weltmarkt zu stärken. Auch der vor 20 Jahren gegründete Gemeinsame Markt des Südens (MERCOSUR) ist unter dem, in der Lateinamerika-Forschung verwendeten, Term des offenen Regionalismus zu stellen. Integration und der Verbund mit anderen Staaten in der Region diente vornehmlich der Stärkung der eignen Wettbewerbsfähigkeit.

Zurück zur Binnenorientierung?

Eine erneute Veränderung erfuhr die Stoßrichtung von Integration Mitte der 2000er Jahre. Sowohl die von Hugo Chávez vorgeschlagene Bolivarische Allianz für die Amerikas als auch die vom ehemaligen brasilianischen Luis Inácio Lula da Silva geplante Zusammenführung der CAN und des MERCOSUR zur Union der Südamerikanischen Nationen haben wieder mehr Lateinamerika als Bezugspunkt und sind stärker binnenorientiert. Zwar sprechen nach wie vor nicht alle Staatschef und Regierungen mit einer Stimme und die Integrationslandschaft lässt sich als sehr fragmentiert bezeichnen, trotzdem ist die Orientierung eine ähnliche.

Mit der neu gegründeten CELAC scheint es als setzen die Regierungschefs Lateinamerikas diesen Kurs der Binnenorientierung fort und versuchen, ihn auf die gesamte Region auszuweiten. Handelsliberalisierung bleibt auch auf der Agenda des neu gegründeten Bündnisses, aber bereits im Vorfeld des Gründungsgipfels gab es auch Foren zu Themen wie Nahrungsmittelsicherheit, Armutsbekämpfung, Energie sowie der Anpassung an den Klimawandel. Ob die CELAC ihre selbst hoch gesteckten Ziele verwirklichen kann, Lateinamerika in Zukunft mehr und mehr als geschlossener Block auftritt und somit dem Traum von Simon Bolívar tatsächlich ein Stück näher kommen kann, bleibt abzuwarten.

Autorin: Anna- Maria Jeske