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Die verlassenen Alten von Venezuela

Verwahrlosung, Lebensmittelknappheit, Medikamentenmangel, Massenflucht und eine siebenstellige Hyperinflation machen die einstige Ölmacht Lateinamerikas zu einem Land, in dem das Älterwerden in eine Tragödie münden kann.

Mario Moronta, Bischof von San Cristobal, nimmt an einer Altenspeisung in der Pfarrei der Divina Providencia in El Piñal teil. Foto: Adveniat/Florian Kopp

Virginia hatte einst eine große Familie: vier Kinder, neun Enkelkinder und sieben Geschwister. Aber jetzt ist sie 81, und aus der Familie hat sie niemanden mehr, der sich um sie kümmert. Vor fünf Monaten brachte ihr ältester Sohn sie in ein Pflegeheim im Osten von Caracas, zahlte drei Monatsraten im Voraus und verschwand. Das Personal des Pflegeheims versuchte vergeblich, ihn zu kontaktieren. Er antwortete nicht auf E-Mails und hatte wohl auch seine Telefonnummer geändert. Die Adresse, die er hinterlassen hatte, existierte zwar, war aber nicht seine. Er hatte seine Mutter verlassen.

Virginias Geschichte ist kein Einzelfall: So wie sie werden viele venezolanische Senioren von ihren Angehörigen verlassen, Angehörigen, die selbst völlig überfordert sind von den Strapazen der venezolanischen Krise. Die schwere Belastung aus Hyperinflation, Arbeitslosigkeit, Nahrungs- und Medikamentenmangel stellt viele Venezolaner vor eine unmenschlich schwere Entscheidung: entweder die Kinder oder die Großeltern zu versorgen.

Laut Angaben der venezolanischen Regierung gibt es mehr als viereinhalb Millionen Rentner, die monatlich nicht mehr als eine Art Grundsicherung von 40.000 Bolivar als Rente beziehen. "Das reicht für nichts aus", erzählt die 72-jährige Rosa gegenüber der DW, "denn schon ein Karton mit Eiern kostet 30.000 Bolivar. Und ein Kilo Fleisch 26.000". Aufgrund der Hyperinflation steigen die Preise täglich. Die Geldentwertung erreichte laut Regierung im vergangenen Jahr rund 130.000 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Opposition spricht gar von 1,7 Millionen Prozent. Diese Zahlen haben dramatische Auswirkungen gerade auf die älteren Menschen im Land. Ende 2017 erschien eine Studie der venezolanischen NGO "Convite", der zufolge Venezolaner im Rentenalter bis zu 1,3 Kilo Gewicht pro Monat verlören.

"Viele ältere Menschen sind unterernährt", sagt Luis Francisco Cabezas, Präsident der NGO "Convite", die Daten über die Situation älterer Menschen im Land sammelt. "Die meisten sind von den CLAP-Boxen abhängig, die nahrungstechnisch eine Katastrophe sind", fügt er hinzu. Die CLAP-Nahrungspakete sind Teil eines von der Regierung subventionierten Lebensmittelverteilprogramms. "Der Inhalt dieser Box sättigt zwar, ernährt aber nicht ausreichend", sagt Cabezas. Tatsächlich hat der UN-Hochkommissar für Menschenrechte in seinem Bericht vom Juni 2018 angeprangert, dass das CLAP-Programm den Ernährungsbedarf der Venezolaner aufgrund seines niedrigen Protein- und Vitamingehalts sowie seines hohen Fett-, Zucker- und Kohlenhydratgehalts nicht deckt.

Fatale Kombination

Zum Mangel einer ausgewogenen Ernährung kommt ein weiteres Problem: der Mangel an Medikamenten. "Da kommt alles zusammen, was man nicht brauchen kann", sagt Luis Francisco Cabezas. Der Pharmaverband Venezuelas (FEFARVEN) bestätigt, dass in den letzten zwei Jahren mindestens 400 Apotheken ihr Geschäft aufgegeben haben. Desweiteren fehlen im Land 85 Prozent aller benötigten Medikamente. Etwa zur Behandlung von Demenzerkrankungen.

Laut Angaben der venezolanischen Regierung gab es 2013 etwa 160.000 Menschen mit Alzheimer im Land. Doch Mira Josic Hernández, Präsidentin der venezolanischen Alzheimer Stiftung geht von mindestens doppelt so vielen Erkrankten aus. "Es ist ein gravierendes Problem der öffentlichen Gesundheit. Aber das scheint hier niemanden zu interessieren", klagt sie.

Einsam und verletzlich

Verschärft werden die Probleme durch die anhaltende Emigration aus dem Land. Die UNO schätzt, dass seit 2015 rund vier Millionen Menschen ausgewandert sind. Es sind vor allem jüngere Venezolaner, die ihre Eltern und Großeltern zurücklassen. "In Caracas gibt es bereits ganze Stadtviertel, in denen nur noch alte Menschen leben - zurückgelassen von ihrer Familie, in einem leeren Haus", berichtet Cabezas.

Oder im Altersheim. Ohne staatliche Unterstützung halten sich die meisten dieser Einrichtungen nur mit Spenden über Wasser. Dies trifft auch für das Heim "Mutter Theresa von Kalkutta" zu, das sich in einem bevölkerungsreichen Armenviertel in Caracas befindet. Angesichts des Personalmangels bekochen, helfen und waschen die Patienten sich gegenseitig. Die Älteren, die gesundheitlich noch etwas besser gestellt sind, helfen den Schwächeren bei der täglichen Hygiene. Früher, sagt Baudilio Vega, der Direktor des Zentrums, habe es in seinem Heim noch 164 Bewohner gegeben. Mittlerweile seien es nur noch 80. "Wenn es dieses Heim nicht gäbe, wären auch die meisten dieser Menschen schon tot," glaubt Vega. "Jeden Tag erhalten wir hundert Liter Suppe, sonst nichts. Das ist dann unser Essen." Auf die Frage "Bekommen Sie auch etwas von der Regierung?" zuckt Vega nur mit den Achseln: "Ja. Mitleid."

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