Kolumbien, Venezuela |

Die vergessene Flüchtlingskrise

Etappenziel Cucuta: Von hier aus versuchen sich die venezolanischen Flüchtlinge in andere Städte in Kolumbien oder Lateinamerika durchzuschlagen. Foto: Tobias Käufer
Etappenziel Cucuta: Von hier aus versuchen sich die venezolanischen Flüchtlinge in andere Städte in Kolumbien oder Lateinamerika durchzuschlagen. Foto: Tobias Käufer

Jede Woche strömen tausende Venezolaner über die Grenze nach Kolumbien. Viele wollen für immer ihre krisengeschüttelte Heimat verlassen.

Auf dem harten Betonboden des öffentlichen Basketballplatzes in Cucuta treffen mit Sonnenuntergang die ersten Flüchtlinge ein. Die Stadtverwaltung der kolumbianischen Grenzstadt hat angeordnet, dass sich die Neuankömmlinge aus Venezuela dort einfinden sollen. Einerseits um die medizinische Versorgung sicherzustellen, andererseits um zu verhindern, dass sich innerhalb der Stadt wilde Lager bilden. Vier Krankenwagen haben Position bezogen, nun beginnt der Kampf um die besten Plätze. Denn nur wer zentral unter dem Dach ein Plätzchen findet, der wird vom peitschenden Regen verschont, der über die offenen Seiten eindringt. Fast alle sind vom Marsch durch den Schlamm verdreckt und doch sind viele glücklich, dass sie ihr Ziel erreicht haben: Kolumbien, das steht für fast alle hier für einen Neuanfang. Mit ihrer Heimat haben sie abgeschlossen. Hyperinflation sowie die katastrophale Versorgungs- und Sicherheitslage zwingt zehntausende zur Flucht.

Venezuela brauche einen radikalen Kurswechsel

Einer von den vielen tausend Flüchtlingen, die über Cucuta versuchen in Kolumbien Fuß zu fassen ist Student Celvin Dumont (28). Der junge Mann mit den Dreadlocks versucht bei Freunden in Bucaramanga unterzukommen. Dort will er das Geld verdienen, um seinen Studienabschluss in Venezuela zu bezahlen. Es fehlt ihm nur noch die Abschlussarbeit in Autoantriebstechnik und genau eine Million Bolivar, die er dafür an einer privaten Universität bezahlen muss. Angesichts eines Mindestlohnes von rund 177.000 Bolivar ein schier unerreichbares Ziel. „In Venezuela funktioniert es einfach nicht mehr. Du kannst so viel arbeiten wie Du willst, aber es reicht vorne und hinten nicht,“ sagt Dumont. Die Hyperinflation von fast 1000 Prozent frisst die kargen Einnahmen in Rekordzeit auf. Celvins Plan: „Studium abschließen und dann nach Peru, ich habe gehört, da suchen sie Leute vom Fach.“ Ein schlechtes Gewissen, dass er sein Heimatland im Stich lassen könnte, hat er nicht: „Ich habe das Studium ja selbst bezahlt.“ Von den derzeit laufenden Krisengesprächen zwischen Regierung und Opposition erwartet er nicht viel: „Venezuela braucht einen radikalen Kurswechsel, doch den sehe ich nicht. Es wird sich nichts ändern.“

Auch Antonio Rodriguez (28) hat die Hoffnung aufgegeben. „Ich habe das Vertrauen in unsere Politiker verloren“, sagt der ausgebildete Ingenieur für Sicherheitstechnik. „Die Regierung schöpft aus dem Vollen. Die leben auf teuren Haciendas und Fincas, feiern schöne Feste. Und die Opposition. Die macht sich aus dem Staub. Schauen sie, was mit dem Bürgermeister von Caracas passiert ist, der aus dem Hausarrest geflohen ist. Ist der hier, bei uns, bei den anderen venezolanischen Flüchtlingen? Nein, der fliegt doch gleich bequem weiter nach Madrid. Alle denken nur nach an sich.“

"Es wird immer schlimmer."

Rodriguez ist gemeinsam mit drei Kollegen aus dem gleichen Betrieb nach Cucuta gekommen. Alle beteuern, sie hätten eine technologische Ausbildung und in der Erdölindustrie gearbeitet. „Wir schauen uns das Drama jetzt schon seit drei, vier Jahren an. Es wird nicht besser, es wird immer schlimmer. Wir wollen hier in Kolumbien neu anfangen, von mir aus auch in einem anderen Land. Venezuela ist verloren, wenn sie da nichts Grundlegendes ändert.“ Der Opposition wirft Rodriguez Mutlosigkeit vor: „Keiner ist da, der mal bis zum Ende durchmarschiert. Irgendwann bleiben alle auf der Hälfte des Weges stehen.“

Nach Angaben der UN ist die Zahl der Venezolaner in Kolumbien in den letzten Monaten sprunghaft auf 600.000 Migranten angestiegen. Wie viele Venezolaner sich ohne gültige Aufenthaltspapiere im Land aufhalten ist ungewiss.

Autor: Tobias Käufer

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