Chile |

Die (un)willkommenen Eroberer - Deutschstämmige und Einheimische in Südchile

Etwa zehntausend Einwanderer haben seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Süden Chiles und insbesondere die Gegend rund um den Llanquihuesee geprägt: Städtebaulich, wirtschaftlich, und kulturell. Die von ihnen gerne als „das zweite Deutschland“ bezeichnete Region trägt bis heute den Stempel der „willkommenen Eroberer“. Das Verhältnis zu den Einheimischen aber war und ist bis heute distanziert und nicht frei von Ressentiments.

„Im Grunde“, meint der pensionierte Schuldirektor Karl Weidinger mit einem Gesichtsausdruck, als handle es sich um Berlin vor der Wende, sei Frutillar eine geteilte Stadt: „alto und bajo. Das eine ist das chilenische, das andere ist das deutsche Frutillar“. Tatsächlich hat der malerische Ferienort am Westufer des Lago Llanquhue, seit Jahren Alterssitz des ehemaligen Beamten, zwei Gesichter: Bajo, der untere Teil entlang der Seepromenade mit all den hübschen schindelgedeckten Häuschen, Vorgärten und Kuchenläden, das Aushängeschild für Tourismus und allgegenwärtiger Präsenz deutscher Einwanderung. Und alto, oben am Hügel, erst besiedelt um die Jahrhundertwende nach dem Bau der Eisenbahnlinie, mit einfachen Wohngegenden, heruntergekommenen Armenvierteln. Die Heimat der „Chiloten“, wie das einst von der Insel Chilloe importierte einheimische Arbeiterpersonal der reichen deutschstämmigen Großgrundbesitzer und Fabrikinhaber genannt wurde.

Regierung förderte den Reichtum der Deutschen

Offenbar birgt der Klassenunterschied erhebliche Brisanz: "Das geht so weit, dass Schülergruppen, die an der deutschen Schule vorbei gehen, Schimpfwörter rufen. Das ist Neid. Die Deutschen sind immer noch die Reichen, und oben ist das Fußvolk, das sich zurückgesetzt fühlt“, sagt Weidinger, der als Direktor der Schule den Konflikt hautnah miterlebt hat. Für den späteren Reichtum war ursächlich die Regierung verantwortlich, die den Kolonisten damals großzügige Ländereien im Losverfahren zuschanzte. „Die Deutschen sind rassistisch“, schimpft eine Friseurin in Frutillar alto, „wenn Sie zum Beispiel unten in bajo in die Bank gehen und es sind Deutsche in der Schlange, dann sprechen die nicht spanisch, sondern deutsch. Gut, wir haben sie hergeholt, aber sie sind doch hier, um in Chile zu leben“ empört sie sich, und wiegelt tröstend ab, die jungen Leute seien nicht mehr so, sondern „in das chilenische System eingebunden“.

Klassendenken haben auch die Chilenen verinnerlicht

Auf Distanz aber gehen traditionell auch die Deutschstämmigen. „Die sind ziemlich konservativ, die haben die alte Ansichten wie bei den Eltern und Großeltern, das merkt man schon noch“ konstatiert Ilse Mödinger, die Frau des Wurstfabrikanten Viktor Mödinger, eine Schwäbin, die ihrem Mann in seiner Lehrzeit in Bad Bucheim kennenlernte und nach Chile folgte.

Intensiver Kontakt zur anderen Klasse wurde früher streng gemieden, Mischehen waren geradezu geächtet, Essen an einem Tisch mit dem „Patron“ und den „Peones“, also dem Herren und seinen Arbeitern, verpönt, manchmal noch bis heute. Das Klassendenken hätten auch die Chilenen verinnerlicht, gibt Viktor Mödinger zu, dessen Wurstspezialitäten nach deutschen Rezepten landesweit berühmt sind: “Wenn ein Blonder oder Deutschstämmiger etwas verlangt, wird er gut bedient. Aber der Indio mit Indianernamen oder der Dunkelhäutige nicht. Das ist eine Realität in Chile. Die Deutschstämmigen haben es zu etwas gebracht, die haben viel gearbeitet, hier war ja nichts“.

Parallelgesellschaft in Sportvereinen und Musikgruppen

Am ehesten auf Distanz zu den tradierten Werten der Vorfahren gehen die, die erst spät nach Chile gekommen sind, wie Ilse Mödinger oder Julia von Mayer, die als Kind in den fünfziger Jahren mit ihrer Familie in eine wunderschöne Estancia nach Puerto Montt emigriert war: „Ich esse mit meinem Hausmädchen an einem Tisch. Das war vor 20, 30 Jahren nicht üblich, und wir kennen viele Leute, bei denen es noch ganz anders ist“. Ihre gut ein dutzend Angestellten seien alle Nativos, also Mapuche-Indianer, und die „wurden früher natürlich sehr diskriminiert, sie haben hier überall gelebt und sind von den Einwanderern abgedrängt worden“.

Auch in den Sportvereinen, Musikgruppen, Chören, Frauenbünden und so weiter ist der Fortbestand der Parallelgesellschaft bis heute Realität, und es spricht Bände, wenn Viktor Mödinger, der in seiner Freizeit Subkommandant der „ersten deutschen Feuerwehrkompanie“ in Llanquihue ist, stolz vermerkt: „ Die meisten bei der Feuerswehr sprechen deutsch. Aber wir haben schon viele Chilenen integriert“.

Autor: Gottfried Stein, Frutillar

Puerto Montt am Llanquihuesee. Foto: Stein