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Die Rolle der Frau in der Kolonisation Amerikas

Christopher Kolumbus, Hernan Cortés, Amerigo Vespucci – Die Geschichte der Eroberung und Kolonisation Amerikas scheint ausschließlich von Männern geschrieben worden zu sein, doch zum Jahrestag der Entdeckung Amerikas wollen wir uns einmal die Frage stellen: wie kamen die europäischen Frauen nach Amerika und welche Rolle spielten sie bei der Entdeckung der neuen Welt?

Im Mai 1498 stachen bereits dreißig Frauen zusammen mit Christopher Kolumbus, für den es seine dritte Überfahrt nach Amerika war, in See and waren somit die ersten europäischen Frauen, die den neuen Kontinenten entdecken sollten. Und das zur Zeit einer patriarchalischen Weltanschauung, in der Frauen entweder dem Bild der Mutter oder der reinen Jungfrau entsprechen mussten, in völliger Unterwerfung zum Mann zu sein hatten und sich mit Sicherheit nicht auf eine abenteuerliche, körperlich anstrengende Reise in ungewisses Land machen sollten. Diese dreißig Frauen taten, wenn auch vermutlich mit Erlaubnis der Gatten oder Vaters (die sich mit an Board befanden), genau das und vergaßen damit vorläufig die Beschränkungen, die ihrem Geschlecht in dieser Zeit aufgezwungen wurden. Das mussten sie auch, da allein die Überfahrt große Strapazen verhieß und Männer und Frauen wochenlang auf engstem Raum zusammengepfercht war, oft auch mit Ratten, Kakerlaken und anderen Untieren.

In Lateinamerika angekommen übernahmen die Frauen dann meist wieder traditionelle Tätigkeiten, die ihnen auch Zuhause zugesprochen wurden, wie z.B. Kleidung/ Uniformen der Männer nähen, kochen, waschen, Kranke versorgen, Lebensmittel verteilen, etc. Dennoch schienen sich die Fesseln etwas gelöst zu haben, allein auf Grund ihrer Distanz zur europäischen Gesellschaft und dem Abenteuergeist der mitgereisten Frauen, die schon durch ihre Teilnahme an der Expedition gewissen Mut bewiesen hatten. Mit ihren importierten Werten und Vorstellungen hatten sie natürlich auch großen Einfluss bei der Bildung einer zivilen Gesellschaft im neuen Land.

Einige der Reisenden verhielten sich allerdings entgegengesetzt des traditionellen Frauenbildes, wie zum Beispiel Maria de Estrada, die beim Feldzug von Hernan Cortés mitmachte und die Noche Triste – die Nacht, in der dreiviertel von Cortés Armee von den Mayas vernichtet wurde – nur überlebte, da sie tatkräftig mitkämpfte. Oder Inés Suárez, die Geliebte von Pedro de Valdivía, die bei der Verteidigung der Stadt Ciudad de Santiago sich zunächst um Verwundete kümmerte, später allerdings selbst zum Schutz der Stadt mitkämpfte. Dass Frauen nicht nur für sich, sondern auch für andere Verantwortung übernehmen und Autorität ausstrahlen konnten, bewies zudem Isabel Barreto, die nach dem Tod ihres Mannes den Posten des Admiral in der spanischen Armada übernahm oder Beatriz de la Cueva, die zur ersten Gouverneurin eines Vizekönigreichs ernannt wurde.

Dies sind nur einige Beispiele, die aber bereits beweisen, dass die europäische Frauen ebenfalls tatkräftigen Einfluss auf die Geschehnisse der Kolonisierung genommen haben (ob gut oder schlecht), auch wenn sie in historischen Werken oft vernachlässigt werden. Diese Tatsache ist sowohl darauf zurück zu führen, dass Dokumente aus dieser Zeit oft von Männern geschrieben wurden und die Rolle der Frau bis zum 20 Jahrhundert in der Wissenschaft als eher unbedeutend galt. Erst neuere Auseinandersetzungen mit diesem jahrhundertealten Thema haben die Bedeutung und den Einfluss der Frauen aufzeigen können.

Text: Hannah Simon

Literaturhinweise:
Martín, Luís. Las hijas de los conquistadores: Mujeres del Virreinato de Peru. Barcelone: Editorial Casiopea, 2000.
Muriel, Josefina. Las mujeres de Hispanoamérica: época colonial. Colección Realidad Americanas. Bilbao: Editorial MAPFRE, 1992.