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Die "Perle der Karibik" versinkt im Chaos

Port-au-Prince. Selbst Bill Clinton lassen die Eindrücke nicht unberührt: Der ehemalige US-Präsident kämpfte beim Besuch der Küstenstadt Gonaives, die im vorigen Jahr Unwettern fast völlig zerstört hatten, mit den Tränen. "Wir müssen hier helfen. Von dieser Stadt ist nichts mehr übrig geblieben", appellierte der UN-Sonderbotschafter an die internationale Staatengemeinschaft. Seit Clinton während seiner Präsidentschaft 1994 in Haiti US-Truppen stationierte, die einen Militärputsch beendeten, jubeln ihm die Menschen bei seinen Besuchen dort zu.

Clinton soll die internationale Aufmerksamkeit auf die Karibikinsel lenken, das Armenhaus des amerikanischen Doppel-Kontinents. Seine Mission scheint nahezu unlösbar: Naturkatastrophen, Korruption und politisches Chaos: Haiti versinkt im Chaos. Und Besserung ist kaum in Sicht. Mehr als zwei Drittel der etwa neun Millionen Einwohner leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze. Nicht einmal zwei Dollar pro Kopf stehen für den täglichen Überlebenskampf zur Verfügung.

Jeder zweite Haitianer im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos. Und unterernährt. Dazu kommt Analphabetismus: Über 50 Prozent der Haitianer können nicht richtig lesen und schreiben. Es fehlt an Schulen und Lehrern. Die Situation in Haiti ist verheerend - deswegen wählte das bischöfliche Hilfswerk Adveniat Haiti als Schwerpunktland seiner diesjährigen Weihnachts-Aktion. Bedarf an Hilfe gibt es an allen Ecken und Enden: Ernährung, Bildung, medizinische Versorgung und Umweltschutz.

Es ist vor allem die politische Instabilität, die das Land nicht zur Ruhe kommen lässt. Nur ein Jahr nach ihrem Amtsantritt wurde Ende Oktober die Ministerpräsidentin des Karibikstaates, Michelle Pierre-Louis, vom Senat per Misstrauensvotum abgesetzt. Die populäre Regierungschefin stürzte über Korruptionsvorwürfe, wenngleich politische Beobachter auch von einer politischen Intrige gegen die erste Dame des Landes sprachen.

Der "Fall Pierre-Louis" ist das jüngste Beispiel einer langen Reihe von politischen Desastern auf der Insel: Diktatoren und korrupte Regierungen haben das einst als "Perle der Karibik" gefeierte Land heruntergewirtschaftet. Bis heute sind die Auswirkungen der brutalen Diktatur Jean-Claude Duvalier (1971-1986) im ganzen Land zu spüren.

Auch die Umwelt leidet: Die rücksichtslose Abholzung der Regenwälder, die Haiti einst komplett bedeckten, führt zur Erosion des Mutterbodens. Die Konsequenz der von internationalen Konzernen vorangetriebenen Umweltzerstörung: Weite Teile des Landes sind unfruchtbar. Und ohne den Schutz der Wälder wüten die immer häufigeren Wirbelstürme noch zerstörerischer.

Immer problematischer gestalten sich die Beziehungen zum Nachbarland Dominikanische Republik: Übergriffe gegen - oft illegal eingereiste - haitianische Einwanderer, die unter erbärmlichen Bedingungen auf den Zuckerrohrplantagen arbeiten, belasten das Klima. Im Januar wollen sich Haitis Präsident Rene Preval und sein Amtskollege Leonel Fernandez treffen, um das heikle Thema anzusprechen.

Ein Mindestmaß an Sicherheit garantiert ein UN-Mandat, für das rund 7.000 Blauhelm-Soldaten und knapp 2.100 Polizisten in Haiti stationiert sind. Die Friedensmission Minustah startete nach den gewalttätigen Unruhen von 2004, die den damaligen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide ins Exil trieben.

Quelle: kna / Tobias Käufer