Mexiko |

Die Parallelen zu 1910

100 Jahre nach der Verkündung des „Plans von San Luis Potosí“, der die Mexikaner zum Aufstand gegen das Regime von Präsident Porfirio Díaz aufrief und als Beginn der Mexikanischen Revolution gilt, durchläuft erneut eine Welle der Gewalt das Land. Innerhalb von drei Jahren waren 30.000 Menschenleben zu beklagen. Morde, Entführungen, Folter, Vergewaltigungen: Die meisten Opfer sind Migranten und ganz einfache Bürger. Die mexikanische Staatsmacht erweist sich auf der einen Seite als machtlos und ist auf der anderen in vielen Fällen selbst in Verbrechen verwickelt.

Am 20.November 2010 wurde der 100. Jahrestag des Ausbruchs der Mexikanischen Revolution feierlich begangen. Diese war – noch vor der Oktoberrevolution – die erste große soziale Revolution des 20. Jahrhunderts. Anführer waren die beiden legendären Volkshelden Emiliano Zapata und Pancho Villa, die für Arbeiter und Campesinos soziale Rechte erkämpften, ebenso wie eine Agrarreform, öffentliche, weltliche und kostenlose Bildung, soziale Sicherheit.

Volkswille wird missachtet

Paraxadoxerweise ähnelt die heutige Situation in Mexiko jener vor 100 Jahren in vielerlei Hinsicht. Die Zeitung „La Jornada“ nennt in einem Artikel als Beispiele eine obszöne Konzentration von Reichtum und eine ganze Reihe von Rückständigkeiten auf sozialer Ebene. Hinzu kämen, wie damals, Verzerrungen des Volkswillens, Verletzungen von Arbeits- und Gewerkschaftsrechten und die Vorenthaltung von Grundrechten seitens des mexikanischen Staates. Dieser knicke unter dem Druck des internationalen Kapitals ein und gebe seine Souveränität auf.

Zu dieser ernüchternden Aufzählung kommt noch ein Krieg. Oder besser gesagt: drei Kriege. Jener unter den Drogenkartellen um die Kontrolle von Gebieten, der Krieg, der von kriminellen Organisationen geführt wird, die sich aus ehemaligen Militärs und Polizisten zusammensetzen, und welche die Zivilbevölkerung mit Entführung und Raub terrorisieren, sowie der Krieg von Militärs und bewaffneten Sondereinheiten gegen die eigene Bevölkerung. Seit der damals neu gewählte Präsident Felipe Calderón am 1. Dezember 2006 auf Druck Washingtons seine „Offensive gegen den Drogenhandel“ verkündete, waren in Mexiko rund 30.000 Tote zu beklagen.

Kriminelle Ex-Militärs und Ex-Polizisten

Mexiko ähnelt immer mehr einem „gescheiterten Staat“, der in einer tödlichen Falle gefangen ist. Das ganze Land überziehen bewaffnete Gewalttäter. Zu den Sonderkräften des Militärs und den Elitekommandos der Polizei kommen noch CIA-Agenten und Vertreter der US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA. Und schließlich die „Zetas“ genannten kriminellen Vereinigungen aus Ex-Militärs und Ex-Polizisten, die es besonders auf Migranten aus Mittel- und Südamerika abgesehen haben, die sich auf dem Weg in die USA befinden. Auf ihr Konto geht zweifellos das Massaker an 72 Migranten, das am 24. August 2010 im Bundesstaat Tamaulipas entdeckt wurde.

Jahr für Jahr durchqueren rund 500.000 Lateinamerikaner Mexiko, um in den Norden zu gelangen. Auf ihrem Weg werden sie Opfer aller möglichen Missbräuche: Willkürliche Verhaftungen, Übergriffe, Diebstähle, Plünderungen, Vergewaltigungen… Acht von zehn Migrantinnen erleiden sexuellen Missbrauch. Viele von ihnen werden von kriminellen Banden versklavt oder zur Prostitution gezwungen. Hunderte von Kindern werden Zwangsarbeiten unterworfen. Die „Zetas“ verlangen von Familien – entweder im Ursprungsland oder in den USA – Lösegeld für entführte Opfer.

Entführungen als Einnahmequelle

Der Autor Óscar Martínez behauptet in einem Buch: „Für das organisierte Verbrechen ist es einfacher, im Laufe einiger Tage 50 Unbekannte zu entführen, für die jeweils 300 bis 1.500 Dollar Lösegeld gezahlt werden, als einen Großunternehmer zu entführen.“ Hat das Entführungsopfer niemanden, der seine Freiheit erkauft, dann wird es ermordet. Jede Zelle der „Zetas“ besitzt ihren eigenen „Schlachter“, dessen Auftrag darin besteht, die Opfer zu enthaupten und zu zerstückeln, um die Leichen anschließend in einem Metallfass zu verbrennen. Im vergangenen Jahrzehnt verschwanden rund 60.000 Menschen ohne Ausweispapiere, deren Familien das geforderte Lösegeld nicht zahlen konnten…

Konzentrierte sich diese barbarische Gewalt anfangs auf einige mexikanische Städte, wie vor allem Ciudad Juárez, das direkt an der Grenze zu den USA liegt, und mehrere Bundesstaaten, so hat sie sich inzwischen über das ganze Land ausgebreitet – mit der bemerkenswerten Ausnahme der Hauptstadt, dem Bundesbezirk Mexiko-Stadt. Washington hat Mexiko als „gefährliches Land“ eingestuft und die Konsulatsbeamten in mehreren Städten angewiesen, ihre Kinder in die USA zurückzuschicken.

Viele Unbeteiligte erschossen

Präsident Felipe Calderón verkündet unterdessen regelmäßig Erfolge im Kampf gegen den Drogenhandel, sowie die Festnahme wichtiger Köpfe der Kartelle. Und beglückwünscht sich dazu, auf das Militär zurückgegriffen zu haben. Eine Meinung, welche die meisten von Calderóns Landsleuten nicht teilen. Denn die Soldaten, die über keine Erfahrung in diesem Kampf verfügen, haben für eine Vervielfachung der „Kollateralschäden“ gesorgt. Hunderte von Zivilisten wurden „versehentlich“ erschossen. Kritiker wie der Menschenrechtler Abel Barrera Hernández dagegen wenden ein, es handele sich keineswegs immer um ein Versehen, sondern der Krieg gegen die Drogen werde dazu missbraucht, sozialen Protest zu kriminalisieren. Die Opfer dieses Krieges seien die verwundbarsten: die Indigenen, die Frauen, die Jugendlichen. Das Militär werde zur Einschüchterung benutzt und um den Protest zum Schweigen zu bringen.

Scheinheilige Ratschläge aus Washington

Die Obama-Regierung glaubt, dass das Blutbad, das Mexiko erlebt, eine Gefahr für die Sicherheit der USA darstellt. Außenministerin Hillary Clinton erkennt Parallelen zur Situation in Kolumbien in den ´80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich aber tragen die USA eine sehr große Verantwortung in diesem Krieg. Sie sind der wichtigste Gegner einer Legalisierung der Drogen. 90 Prozent der von allen Kriegsparteien verwendeten Waffen werden aus den USA geliefert. Und nicht zuletzt sind die USA die Haupt-Drogenmacht: Sie produzieren in großem Umfang Marihuana und stehen an erster Stelle der Hersteller chemischer Drogen wie Ecstasy. Aber vor allem stellen die USA den größten Konsumentenmarkt weltweit dar – allein die Zahl der Kokain-Abhängigen liegt über 7 Millionen. Auf die Drogenmafia in den USA entfällt der Löwenanteil des weltweiten Drogenprofits: Etwa 90 Prozent. Das sind rund 45 Milliarden Euro im Jahr. Die Drogenkartelle in Lateinamerika bringen es alle zusammen nur auf knapp 10 Prozent des Kuchens. Einmal mehr gilt daher: Anstatt seinen Nachbarn (schlechte) Ratschläge zu geben, sollte Washington lieber vor der eigenen Tür kehren.

Autor: Ignacio Ramonet , Ûbersetzung: Bernd Stössel
Quelle:
Adital