Chile |

Die offenen Fragen eines Hollywood-Happy-Ends

Das Drama der chilenischen Bergleute hat Hollywood-Qualitäten: lebensbedrohliche Gefahren, spannungsgeladenes Warten, persönliche Dramen – und ein Happy End. Dazu modernste Technologie im Einsatz zur Rettung von 33 Menschenleben und ein extrovertierter Präsident, der die Rettung zur Chefsache macht.

1.300 Medienschaffende vor Ort

All diese Zutaten machen aus der Story die perfekte Geschichte für die Nachrichtenmaschinerie: hunderte von Journalisten sind in den vergangenen zwei Monaten im Hoffnungscamp in der chilenischen Wüste gewesen, haben den Angehörigen und Funktionären immer wieder dieselben Fragen gestellt, immer wieder dieselben Antworten bekommen und immer wieder die gleichen persönlichen Dramen erzählt. 1300 Medienschaffende waren es jetzt zur Rettung. Per TV, Radio und Internet konnte die Welt die emotionsgeladene Bergung verfolgen. Alle oben, alles gut?

Nein, natürlich nicht. Denn trotz der zweifellos bewegenden und technisch bewunderswerten Rettung der Kumpel bleibt die Frage nach den Ursachen – und nach den Maßnahmen, die getroffen werden müssen, um derartige Dramen künftig zu vermeiden. Eine Frage, die nicht in malerische Bilder zu packen ist und für deren technische Details sich nur wenig interessiertes Publikum finden lässt.

Frage nach den Ursachen

Der Stollen der Mine San José brach ein, weil die Besitzer des Bergwerks nicht die nötigen Vorkehrungen getroffen haben und von den Behörden nicht zur Erfüllung der Sicherheitsauflagen gezwungen wurden. Der hohe Weltmarktpreis für Edelmetalle, die Gier nach schnellen Gewinnen war stärker als das Verantwortungsbewusstsein, wie es die chilenische Abgeordnete Isabel Allende formulierte.

Millionen zur Rettung statt Rettungsleiter

Auch die Bergleute sind nicht ganz unschuldig. Viele von ihnen ahnten, warum sie dort etwas besser bezahlt wurden, als anderswo. Immerhin hatte es in der Mine schon in der Vergangenheit Unfälle gegeben. Wie viel die Rettung der Bergleute gekostet hat, ist noch nicht bekannt. Es dürften mehrere Millionen gewesen sein. Wie viel hätte eine Rettungsleiter gekostet, die, wäre sie wie vorgesehen im Rettungsschacht gewesen, einen raschen Ausweg ermöglicht hätte? Pinera hat angekündigt, die Sicherheitsvorkehrungen in den Unternehmen des Andenlandes zu verschärfen. Wie, ist noch unklar. Immerhin war er bis vor kurzem selbst Eigentümer zahlreicher Unternehmen, die – wie die Fluglinien LAN – zwar höchst effizient sind, aber wegen der Ausbeutung ihrer Angstellten immer wieder am Pranger standen.

Zerschlagene Gewerkschaften

In Chile wurden die Gewerkschaften und die Arbeitsschutzgesetzgebung vom neoliberal inspirierten Diktator Augusto Pinochet zerschlagen. Bis heute – 20 Jahre nach Ende der Diktatur – sind die Gesetze mit die unternehmerfreundlichsten auf dem Kontinent, die Gehälter gehören zu den niedrigsten, was viele Chilenen dazu zwingt, zwei oder drei Jobs nachzugehen, um die relativ hohen Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

Selbst die linker Agitation unverdächtige OECD, deren jüngstes Mitglied Chiles ist, verfasste voriges Jahr einen kritischen Bericht über die Arbeitsgesetzgebung und die ungleiche Reichtsumverteilung in dem Andenland. Erst vor kurzem sorgte eine Studie für Aufregung, die ermittelte, dass erstmals seit Ende der Diktatur die Armut in dem Andenland wieder angestiegen ist, von 13 auf 15 Prozent im Jahr 2009. Die Bergleute sind gerettet, die eigentliche Debatte steht erst noch aus.

Autorin: Sandra Weiss