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„Die Menschenrechte werden weiterhin mit Füßen getreten“

Adolfo Pérez Esquivel ist als Mann der klaren Worte bekannt. Für seinen Kampf gegen die Militärdiktatur in Argentinien bekam er 1980 den Friedensnobelpreis verliehen. Bis heute kämpft er für die Einhaltung der Menschenrechte. Dieses Jahr feiert der ehemalige Professor für Architektur, Malerei und Bildhauerei seinen 80. Geburtstag. Adveniat-Mitarbeiterin Carolin Kronenburg sprach in Buenos Aires mit Pérez Esquivel über seinen unbeirrten Einsatz für Gerechtigkeit.

Herr Pérez Esquivel, Sie haben während der Diktatur in Argentinien für die Menschenrechte gekämpft. Wie stellt sich die Situation heute dar? Haben Sie die Waffen niedergelegt?
Pérez Esquivel: Das ist eine gute Frage. Die Menschenrechte muss man in Verbindung sehen mit der Demokratie. Mein Einsatz hat weder mit der Diktatur angefangen noch damit aufgehört. Für mich müssen Menschenrechte zum Zuge kommen, wenn Kinder an vermeidbaren Krankheiten sterben, indigene Völker benachteiligt werden, bei sozialer Ungerechtigkeit und Umweltproblemen. Ich habe einen christlichen Hintergrund und komme aus einer kirchlichen Basisgemeinde. Die Menschenrechte haben für mich mit Werten zu tun, mit ethischen, sozialen, kulturellen und politischen Prinzipien.

Wie wichtig ist es für Argentinien, dass diejenigen auf die Anklagebank gesetzt werden, die während der Diktatur gegen die Menschenrechte verstoßen haben?
Pérez Esquivel: Das ist nicht nur für Argentinien, sondern für die ganze Welt sehr wichtig. Wir müssen die Gerechtigkeit und das demokratische System stärken und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passieren kann. Es gibt aber auch aktuelle Probleme wie Vergewaltigungen, Misshandlungen, Folterungen in Gefängnissen, dass Kinder verhungern, Jugendliche und Indigene getötet werden. Es ist die Aufgabe des Staates, sich diesen Problemen zu stellen und sie zu überwinden. Die Menschenrechte werden weiterhin mit Füßen getreten.

Gerade in Buenos Aires liegen Reich und Arm oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Was muss getan werden, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen?
Pérez Esquivel: Der einzige Weg ist zunächst ein öffentlicher Weg über Bildungsmaßnahmen. Wir, die Organisation SERPAJ (Servicio Paz y Justicia), arbeiten bereits mit den Jugendlichen in den Armenvierteln. Wir haben Bildungszentren, wo sie für den Arbeitsmarkt gerüstet werden. Bedauerlicherweise gehen die sozialen Gegensätze nicht zurück, sondern wachsen. Die Regierung hat einige gute Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel das Kindergeld und die Familienhilfe, jedoch ist das bei Weitem nicht ausreichend.

Wie sehen Sie dabei die Rolle der Kirche?

Pérez Esquivel: Die katholische Kirche hat viele verschiedene Programme. Die Priester mit der Option für die Armen kämpfen beispielsweise gegen die Drogenmafia und die Kriminalität in den Armenvierteln. Sie leisten eine wertvolle Arbeit für alle. Allerdings hängt das Engagement viel mit dem jeweiligen Bischof zusammen: Manche sind sehr aktiv in sozialen Bereichen, andere beschränken sich auf die pastorale Arbeit.
Die Kirche kann die Verantwortung des Staates jedoch nicht übernehmen. Ihre Aufgabe ist es deshalb, Druck auf den Staat auszuüben. Kirche und Hilfsorganisationen können zwar helfen, aber keine nationalen Entscheidungen treffen oder übergreifende Maßnahmen umsetzen. Wir können niemals den Staat ersetzen, das wäre ein schwerwiegender Denkfehler.

In anderen Ländern Lateinamerikas gibt es eine starke Linksbewegung beispielsweise in Venezuela und Bolivien. Ist das der richtige Weg zur sozialen Gerechtigkeit?
Pérez Esquivel: Evo Morales, den ich bereits seit vielen Jahren kenne und schätze, hat Bolivien fundamental verändert. Er kämpft für die Armen und gegen den Analphabetismus. Er hat in den wenigen Jahren seiner Regierung bereits viel für Bolivien erreicht. Auch Venezuela hat unter Hugo Chávez durchaus einen Schritt nach vorne gemacht mit allen Widersprüchen, die es unter seiner Regierung gibt. Die entscheidende Frage ist: Wie bewältigt man Probleme mit Gewalt oder mit einer sozialen Politik, die wirklich eine ist?

Was sollten die reichen Länder der Welt tun, damit es mehr soziale Gerechtigkeit gibt?
Pérez Esquivel: Wir sind eine Welt nur ist der Reichtum schlecht und unfair verteilt. Die Auslandsverschuldung ist seit Jahren ein zentrales Thema meiner Arbeit. Wie können wir von diesen Schulden wegkommen? Haiti, das ärmste Land des Kontinents, wird total ausgebeutet und soll noch immer seine Auslandsschuld tilgen. Wenn man den Haitianern helfen will wieso streicht man dann nicht zuerst ihre Schulden?
Die USA könnten ihre Militärstützpunkte in Lateinamerika abziehen und das gesparte Geld in die Entwicklung der Völker stecken. Anstelle von Feinden würden sie sich dann Freunde machen. Im Mai wird es einen Kongress bezüglich dieses Themas geben. Eine Durch- und Umsetzung dieses Plans wäre ein gigantischer Beitrag zum Frieden.
Wir sind in Lateinamerika keine armen Länder, sondern in die Armut getriebene Länder. Das ist ein großer Unterschied. Es braucht einen neuen Sozialvertrag auf weltweiter Ebene. Die Wirtschaftskrise, von der ja in erster Linie die USA und Europa betroffen waren, hat noch einmal ganz deutlich gezeigt, wie notwendig es ist, dass man das Verhalten und die Denkweise ändert.
Es muss also ein neues Konzept her, was die Interpretation von Entwicklung betrifft. Entwicklung heißt nicht Ausbeutung. Entwicklung bedeutet, ein Gleichgewicht zwischen Mutter Erde und dem Bedürfnis der Menschheit herzustellen. Der Planet wird immer weiter ausgeschöpft und das wird irgendwann einmal in einer Katastrophe enden. Gott hat uns das alles gegeben, um zu koexistieren, nicht um alles zu zerstören. Wir müssen, wie es Gustavo Gutiérrez gesagt hat, zu unseren Quellen zurückkehren und aus dem eigenen Brunnen trinken.

Vor 30 Jahren haben Sie überraschend den Friedensnobelpreis bekommen. Wie lautete damals Ihre Definition von Frieden und hat sich seither etwas verändert?
Pérez Esquivel: Das Leben verändert sich und man verändert sich mit dem Leben. Jedoch gibt es Grundideen, die Bestand haben. Ich verstehe immer mehr den tieferen Sinn von Frieden. Für mich ist der Frieden nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Art und Weise, wie wir Beziehungen zwischen den Völkern herstellen. Es geht um die Vielfalt, nicht um die Einheitlichkeit. Uniformität bringt immer Totalitarismen mit sich. Die Unterschiedlichkeit von Menschen und Völkern ist ein großer Wert, den man fördern muss.
Wenn man den Frieden nicht in sich trägt, kann man ihn auch nicht weitergeben. Es geht also um die Frage einer Einstellung, eines Bewusstseins gegenüber dem Leben. Frieden heißt für mich: den anderen verstehen in seiner Ganzheit.