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Die Mapuche in Patagonien und ihr Kampf um Land

"Wir fühlen uns wie Fremde im eigenen Land", so heißt es im Lied einer Mapuche-Band. Foto: Adveniat/Jürgen Escher
"Wir fühlen uns wie Fremde im eigenen Land", so heißt es im Lied einer Mapuche-Band. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

Im Süden Argentiniens kämpfen die indigenen Mapuche seit Jahrzehnten um ihr Land. Große Gebiete, auf denen sie bereits seit Jahrhunderten ansässig sind, befinden sich heute im Privatbesitz transnationaler Konzerne, wie dem Modeunternehmen Benetton. Im August kam bei einer Protestkundgebung auf einem Teil der Benetton-Ländereien der Aktivist Santiago Maldonado ein junger Mann aus Buenos Aires auf der Flucht vor den staatlichen Sicherheitskräften ums Leben. Ende November kam es erneut zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizei und Mapuche.

Mapuche: Fremde im eigenen Land

"Ein Fremder auf deinem eigenen Boden, ein Ausländer in deinem Herkunftsland. So fühlt es sich an, geboren und gleich verdammt zu werden, zu existieren, und doch unsichtbar zu sein." So heißt es im Lied "Clandestinos" der Mapuche-Band Puel Kona. Mit dem Lied drücken die Musiker ihren Schmerz über den Verlust ihres Landes aus und üben Kritik am argentinischen Staat, der sie enteignet hat.

Die "Eroberung der Wüste"

Patagonien, das Gebiet im Süden Argentiniens, wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts von der Armee eingenommen. Die sogenannte "Conquista del Desierto" die Eroberung der Wüste wie es bis heute in den argentinischen Geschichtsbüchern heißt, verschleiert die Vertreibung und den Mord an tausenden Indigenen, die dort seit Jahrhunderten lebten. 1889 entstand dann die Argentine Southern Land Company, eine englische Unternehmensgesellschaft, die große Teile Patagoniens vom argentinischen Staat geschenkt bekam als Dank für Investitionen im Eisenbahnsektor.

Ein großzügiges Einwanderungsgesetz

Auch Europäer, die sich in Patagonien ansiedeln wollten, wurden großzügig bedacht: Grundlage war das Einwanderungsgesetz 'Ley Avellaneda', benannt nach dem damaligen Präsidenten. Auf dieser Grundlage wurde europäischen Einwanderern vom Staat Land geschenkt, um Siedlungen zu gründen und Landwirtschaft zu betreiben. "Dahinter stand die Vorstellung, dass der Süden Argentiniens quasi entvölkert sei", fasst die argentinische Rechtsanwältin und Dozentin Silvina Ramírez, zusammen. Sie beschäftit sich mit der Rolle der Indigenen in der argentinischen Geschichte und Gegenwart.

Was bei dem historischen Deal vergessen wurde: Auch nach dem Eroberungsfeldzug der argentinischen Armee war Patagonien an vielen Stellen nicht leer vor allem die indigenen Mapuche lebten weiterhin dort. Man verschenkte sie sozusagen einfach mit.

Moderiese Benetton wird zum Großgrundbesitzer

1991, also rund hundert Jahre später, erwarb das italienische Modeunternehmen Benetton von der Argentine Southern Land Company ein Gebiet von fast einer Million Hektar das entspricht etwa 40 Mal der Fläche der Hauptstadt Buenos Aires. Das Unternehmen bezahlte dafür einen Spottpreis: fünf Dollar pro Quadratkilometer. Seitdem grasen dort Tausende Schafe für die Wollproduktion. Und auch bei diesem Deal wurden die Mapuche übergangen.

Proteste der Indigenen nehmen zu

Während Benetton weltweit regelmäßig Imagekampagnen für ein vielfältiges, Unternehmen mit multikultureller Haltung machte, nahmen in Argentinien die Proteste der Indigenen zu. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Zusammenstößen - mit den Verwaltern von Benetton oder den argentinischen Sicherheitskräften. Seit der rechtskonservative Mauricio Macri in Argentinien Präsident ist, ist die Lage klar: Benetton ist der legitime Eigentümer, den es zu schützen gilt.

Die kämpferischen Mapuche werden hingegen als Terroristen gebrandmarkt und entsprechend unbarmherzig behandelt. Für die argentinische Rechtsanwältin Silvina Ramirez ist das eine falsche Schlussfolgerung: "In Argentinien werden Indigene durch die Regierung, die öffentliche Meinung und wichtige Industriesektoren angefeindet, weil sie ihr Land zurückfordern. Aber es wird nichts dazu gesagt, dass große Teile dieser Flächen heute ausländischen Investoren gehören und als Kapitalanlage dienen."

Tamara, eine Mapuche-Aktivistin aus Berlin, fasst die Situation der Indigenen so zusammen: "Es gibt keinen demokratischen Raum, um Einfluss zu nehmen. Unsere Zukunft wird vom Kapital und den Regierungen entschieden, die gerade an der Macht sind."

Ein junger Aktivist verschwindet - und taucht tot wieder auf

Lange Zeit interessierten die Proteste der Indigenen in Patagonien im viele Tausend Kilometer entfernten Buenos Aires kaum jemanden. Doch das änderte sich schlagartig, als nach einer Protestkundgebung am 1. August 2017 ein Angehöriger der weißen Mittelschicht aus der Hauptstadt spurlos verschwand. Santiago Maldonado, Kunsthandwerker, 28 Jahre alt, hatte sich dem Kampf der Mapuche angeschlossen.

"Wo ist Santiago Maldonado?" Über Monate ging ein Aufschrei durch Argentinien und die Welt erinnerte der Vorfall doch zu sehr an die Praktiken aus der letzten argentinischen Militärdiktatur, während der rund 30.000 Menschen verschwanden. War auch bei Maldonado der Staat zum Mittäter geworden? Als man nach 78 Tagen endlich seine Leiche fand, stand fest: Der junge Mann war im eiskalten Wasser des Flusses Chubut erfroren. Fakt ist aber auch, dass er auf der Flucht vor den argentinischen Sicherheitskräften ums Leben kam.

Staatliche Repression geht weiter

Vom Modeunternehmen Benetton gibt es bis heute keine Stellungnahme zu dem Fall Santiago Maldonado. Doch für viele Argentinier steht der Spitzname des Unternehmens ohnehin schon fest: Nicht United Colours, sondern "United Killers of Benetton" sind hier am Werke.

Und wie sieht es in Patagonien heute aus? Ende November meldete die argentinische Presse erneut gewaltsame Zusammenstöße zwischen staatlichen Sicherheitskräften und indigenen Mapuche. Und auch diesmal gab es ein Todesopfer. Der junge Mapuche-Aktivist Rafael Nahuel starb an den Folgen einer Schussverletzung, die ihm ein Polizist von hinten in den Rücken zugefügt hatte. Ein Ende der Repression ist nicht absehbar. Denn zu sehr stehen die Kämpfe der Mapuche um ihr Land den Interessen großer Unternehmen und einem wirtschaftsliberalen Regierungskurs in Argentinien im Wege.

Quelle: poonal, Autorinnen: Steffi Wassermann und Jessica Zeller, Foto: Adveniat/Jürgen Escher

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