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"Die letzten Tage des Comandante": Charisma des Hugo Chávez

Foto: Nagel & Kimche/Zuschnitt Buchcover.
Foto: Nagel & Kimche/Zuschnitt Buchcover.

Aus Kuba, wohin sich Chávez zu einer weiteren Operation zurückgezogen hat, hören die Venezolaner keine Neuigkeiten über den Gesundheitszustand ihres Präsidenten, während dessen Parteigänger in Caracas ebenso tapfer wie trotzig Durchhalteparolen verkünden. Sanabria hat in seinem Berufsleben allerdings gelernt, wie unvorhersehbar, dabei oftmals negativ, die Krankheit verläuft. Er weiß es und hält seinen Mund. Zu sehr ist die Stimmung in Land aufgeheizt, als dass er sich durch eine simple Meinungsäußerung Scherereien einhandeln möchte.

In diesem kurzen historischen Moment spielt der Roman "Die letzten Tage des Comandante" des 1960 in Caracas geborenen Schriftstellers Alberto Barrera Tyszka. Mithilfe des Psychoonkologen Sanabria und einer Handvoll weiterer Figuren, die er parallel zueinander entwickelt und schließlich aufeinandertreffen lässt, gestaltet Barrera Tyszka ein griffiges Porträt der Gesellschaft Venezuelas in den späten Chávez-Jahren. Die Spaltung in glühende Verehrer des linkspopulistischen Politikers und wütende Gegner aus den Schichten der Besitzenden hat die Entwicklung des Landes gehemmt.

Der Präsident stand derart im Zentrum aller Prozesse, dass die Debatte über ihn religiöse Züge angenommen hatte und zu einer ultimativen Frage hochstilisiert worden war: "Die Politik hatte sie alle vergiftet, alle waren sie irgendwie verseucht, dazu verdammt, Partei zu ergreifen, unter dem Druck zu leben, für oder gegen die Regierung sein zu müssen. Zu viele Jahre schon waren sie eine Nation im Konflikt, immer kurz vor der Explosion."

Annäherungen an das Phänomen Chávez

Die Spaltung verläuft quer durch Sanabrias Familie: Sein Bruder Alberto ist Mitglied der Chávez-Partei, der Neffe Vladimir zählt sogar zur Entourage des Präsidenten. Dagegen wünscht Sanabrias Ehefrau dem "Comandante Presidente" nichts weniger als den raschen Tod an den Hals. Erst dann könne sich das Land wieder beruhigen, glaubt sie.

Dass diese Annahme wahrscheinlich nur Wunschdenken ist, ahnt man bei der Lektüre des erhellenden und auf bittere Weise unterhaltsamen Romans sehr bald. Dafür sorgen verschiedene Nebenfiguren mit ihren eigenen Konflikten, Ängsten und Traumata, die in der Summe ein grelles, beunruhigendes Venezuela-Bild ergeben.

Fiktive Chávez-Biographie

Der arbeitslose Journalist Fredy Lecuna soll eine Chávez-Biographie schreiben, kann allerdings keine belastbaren neuen Fakten über dessen Leben und Leiden finden. Nachdem er versucht hat, im Chávez-Sprachstil eine fiktionale Autobiographie zu gestalten ("Wie hätte ich ahnen sollen, dass dieses Wehwehchen etwas so Bedeutendes war, etwas so Endgültiges? Es war ein kleiner Schmerz, mehr nicht. Ein klitzekleiner Schmerz. Oder vielmehr ein Zipperlein."), möchte Lecuna auf Kuba mit einem Whistleblower sprechen, der ihm Einblicke in die Behandlung des Präsidenten geben soll. Um den Kontakt herzustellen, benötigt er die Hilfe einer kubanischen Krankenschwester, die ihn als Gegenleistung auffordert, eine Scheinehe einzugehen, damit sie ihr Land legal verlassen kann.

Flucht aus der Welt der Erwachsenen

Wenige Häuser weiter sitzt die zehnjährige María tagelang allein in der Wohnung, nachdem ihre Mutter Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls wurde. In einem Internet-Chat lernt sie den gleichaltrigen Rodrigo kennen, den Sohn von Fredy Lecunas Lebensgefährtin. Die beiden Kinder wollen abhauen - nur fort aus der verrückten Welt der Erwachsenen.

Rodrigo muss beispielsweise erleben, wie vier Frauen die Wohnung, in der er aufgewachsen ist, besetzen und ihn und seine Mutter zum Auszug nötigen. Dies ist, wie die Romanleser in einem weiteren Kapitel erfahren, auf dem korrupten Wohnungsmarkt von Caracas eine gängige Masche, mit der Vermieter ihren Eigenbedarf durchsetzen.

Geheimes Wissen

Hinzu kommt die US-Amerikanerin Madeleine, die über das Charisma forscht und hierfür Hugo Chávez analysiert, den talentierten Redner, Showmaster und Menschenfänger. Diese "Gringa" würde sich bei Miguel Sanabria melden, impft Vladimir seinem Onkel ein, und um eine kleine Kiste bitten. Darin sei ein Datenträger mit streng geheimem Wissen über den kranken Präsidenten.

Mit dieser Verbindung schließt Alberto Barrera Tyszka den erzählerischen Zirkel und lässt den Roman seine ganze Bedeutungsfülle entfalten. Es entsteht die Betrachtung eines Landes, das von einem umstrittenen Sozialrevolutionär und modernen Caudillo regiert wird. Sein Handeln erzeugt extreme Reaktionen: Die Anhänger zollen ihm Lob und versprechen Treue, während er von den Gegnern als Ursprung alles Bösen betrachtet wird. Das Bild Venezuelas, das sich aus diesen extremen Polen ergibt, wird bis heute von den politisch-sozialen Ereignissen bestätigt.

Chávez' Charisma

Vor allem erhalten Miguel Sanabria, die einzige Figur, die sich politisch nicht eindeutig positioniert, und die Außenseiterin Madeleine eine Antwort auf die Frage, was im Zentrum des Verhältnisses zwischen Hugo Chávez und seinem Wahlvolk lag. Diese Antwort kann durchaus als Definition des Begriffes Charisma begriffen werden und illustriert gleichzeitig einen genialen rhetorischen Kniff des Wahlkämpfers:

"Vielleicht war dies das besondere Talent von Chávez: Die Leute hörten ihm gerührt zu, weinten. Was er sagte, war die Wahrheit, die Wahrheit des Gefühls. Diese Beziehung war sein Charisma. Diese Verbindung zu den Menschen. Du bist Chávez, hatte in der Wahlkampagne einer seiner Slogans gelautet. Er ist Chávez, sie ist Chávez, die Kinder sind Chávez, die Mütter sind Chávez, wir alle sind Chávez. 'Denn ich bin nicht mehr Chávez', hatte er, die Stimme aufs Äußerste strapazierend, kurz vor Ende des Wahlkampfs gerufen. 'Ich bin das Volk, verdammt!'"

Autor: Thomas Völkner, Foto: Nagel & Kimche/Zuschnitt Buchcover.

Alberto Barrera Tyszka: "Die letzten Tage des Comandante", aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Zürich: Nagel & Kimche 2016. 250 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-312-00994-7.