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"Die indigenen Völker sind Opfer des Staates"

Mord, Landraub und die Ausbeutung der indigenen Gebiete durch Eindringlinge: Die Gewalt gegen Brasiliens indigene Völker nimmt weiter zu. Zu diesem Ergebnis kommt der mit Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat erstellte Jahresbericht 2018 des Indigenenmissionsrates Cimi, der am Dienstag , 24. September 2019, in der Hauptstadt Brasília vorgestellt wurde.

Lateinamerika Indigene Brasilien Dom Roque Paloschi

Dom Roque Paloschi, Erzbischof von Porto Velho, ist Präsident des Indigenenmissionsrats Cimi. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

In ganz Brasilien wächst demnach der Druck auf die Indigenen und die von ihnen besiedelten Gebiete. Die Justiz zeige sich dabei unfähig, Konflikte zu schlichten.

„Die indigenen Völker sind, historisch gesehen, Opfer des brasilianischen Staates“, sagte Cimi-Präsident Dom Roque Paloschi anlässlich der Vorstellung des Berichts. Die Behörden und die Justiz handelten meist auf der Basis von wirtschaftlichen Interessen und damit entgegen der kollektiven, ökologischen oder sozialen Interessen. „Die öffentliche Verwaltung ist voreingenommen, denn sie folgt der Logik des Privatbesitzes und stellt sich dabei gegen die Prinzipien des Lebens, des Gemeinwohls sowie der Menschenwürde“, so der Erzbischof von Porto Velho.

Alternativer Nobelpreis für Davi Kopenawa

Die vom Cimi erhobenen Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. So lag die Zahl der in 2018 ermordeten Indigenen mit 135 deutlich über der von 2017, mit damals 110 Morden. Die meisten Fälle wurden in dem nördlichsten Teilstaat Roraima registriert, gelegen an der Grenze zu Venezuela. Hier wurden 62 Morde gezählt. In der Region wachsen die Spannungen zwischen indigenen Gruppen und europäischstämmigen Landwirten, nachdem die neue Regierung von Präsident Jair Messias Bolsonaro ein Entwicklungsprogramm für die entlegene Region in Aussicht gestellt hat.

In seiner Rede vor den Vereinten Nationen am Dienstag nannte Bolsonaro zwei in Roraima gelegene Indigenengebiete als Beispiel für die zukünftige wirtschaftliche Ausbeutung. So sei sowohl das Reservat „Raposo Serra do Sol“ wie auch das Land der Yanomami reich an Bodenschätzen, die man ausbeuten will. Zuletzt hatte der Anführer der Yanomami, Davi Kopenawa, über zunehmende Bedrohungen, besonders durch illegale Goldsucher, berichtet. Kopenawa, dessen Arbeit seit Jahren von Adveniat unterstützt wird, erhielt am Mittwoch den alternativen Nobelpreis, gemeinsam mit der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg sowie zwei weiteren Aktivistinnen.

Indigene erhalten keine Landtitel

Die zweitmeisten Morde wurden mit 38 Fällen in Mato Grosso do Sul registriert. Seit Jahrzehnten spielt sich hier bereits das Drama des Guarani-Kaiowá-Volkes ab, das in viel zu kleinen Gebieten leben muss. Viele Guaranis fristen deshalb ein Leben an den Landstraßen der Region. Dabei hatte Brasiliens Justiz ihnen bereits größere Gebiete zugesprochen. Europäischstämmige Siedler weigern sich jedoch, die Gebiete zu räumen. So besiedeln die Indigenen derzeit nur 70.000 der ihnen zustehenden 242.000 Hektar Land, weniger als ein Drittel. Der Weigerung der Siedler, die Gebiete zu räumen, steht die Justiz tatenlos gegenüber.

Präsident Bolsonaro hatte bereits vor seinem Amtsantritt im Januar klargestellt, keine weiteren Indigenengebiete anerkennen zu lassen. Vor der UN wiederholte Bolsonaro am Dienstag diese Absicht. Dabei garantiert die Verfassung von 1988 den Indigenen das Recht auf ihre traditionellen Siedlungsgebiete. Demnach sollte die Landzuteilung bereits 1993 abgeschlossen gewesen sein. Von den landesweit 1.290 von Indigenen beanspruchten Gebieten warten jedoch 821 noch auf eine endgültige Entscheidung der Gerichte, so Cimi. In 528 Fällen sei die Justiz noch überhaupt nicht aktiv geworden.

Indigene Gebiete werden illegal besetzt und ausgebeutet

Aber auch bereits bestehende Reservate kommen zunehmend unter Druck. So wurden im letzten Jahr 111 Fälle registriert, in denen Indigenengebiete von illegalen Eindringlingen heimgesucht wurden. In 76 indigenen Gebieten wurden demnach Rohstoffe geplündert oder gar illegal Land besetzt. Im Jahr 2017 waren es 96 Fälle. Allerdings lassen die vorläufigen Daten für die ersten neun Monate des aktuellen Jahres einen dramatischen Anstieg erwarten. So habe man in 2019 bisher 160 Fälle illegalen Eindringens gezählt, wobei 153 Reservate in 19 der 27 Teilstaaten betroffen waren. Der Druck auf die Indigenen und ihre Gebiete nimmt landesweit dramatisch zu.

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