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Die gefühlte Unsicherheit in Limas Straßen

Seitdem Anfang August in Lima die kleine Tochter eines Abgeordneten von Autodieben angeschossen wurde, sprechen die Medien von einer Welle der Gewalt. Es scheint, als könne solch ein Schicksal jeden treffen. Die Angst geht um. Doch dafür gibt es keinen Grund, findet der Autor Wilfredo Ardito Vega.

Am Vorabend des Schulbeginns in den Bildungseinrichtungen von Lima, am Sonntag dem 7. August, wollten tausende Eltern mit ihren Kindern den gerade besonders angesagten Film „Los Pitufos“ sehen. Mitten am Nachmittag waren die Kinokarten bereits ausverkauft. Folglich waren Imbissketten wie McDonalds und Bembos und Parks wie der Parque de las Leyendas, der Park El Olivar und die Grünzonen der einzelnen Viertel voller Familien. Alle Peruaner schienen sich einig: Lima gab sich als Stadt, die sie meiner Meinung nach auch ist: Ein Ort, in dem die Einwohner ohne große Angst mit ihren Kindern auf einen Spaziergang hinausgehen können.

Diesen Tag verbrachte die Tochter des Parlamentsabgeordneten Renzo Reggiardo allerdings im Krankenhaus. Sie war von Kriminellen angeschossen worden, die versucht hatten, dass Auto zu rauben, in dem sie fuhr. Zeitungen und Nachrichtensender nutzten dieses Verbrechen um zu zeigen, dass Lima eine gegenwärtig eine fürchterliche Welle der Gewalt erlebt. Ebenso wie bei den Fällen Romina Cornejo und Paola Vargas, wurde die kleine Ariana Opfer gewöhnlicher Krimineller, die das neunjährige Mädchen weder kannten, noch irgendeinen persönlichen Hass gegen sie hegten. Deshalb, nehme ich an, ist es einfacher die Angst dahingehend zu manipulieren, „dass so etwas jeden treffen kann“.

Medienmanipulation und Polizeigewalt

Wenn die Kommunikationsmedien individuelle Fälle benutzen, um eine kollektives Unsicherheitsgefühl zu schaffen, kann dies dazu führen, dass die Bevölkerung undifferenzierte repressive Maßnahmen unterstützt. Und den Machtmissbrauch von Polizisten rechtfertigt, der sogar tödlich sein kann, wie es häufig bei der Vorgängerregierung der Fall war. Das ist ein problematisch.

Beispielsweise, gab es angesichts des Mordes an Gerson Falla am 24. April im Kommissariat des Stadtteils San Borja keine Solidaritätsdemonstrationen oder Erklärungen von Bürgermeistern, Ministern und Parlamentsabgeordneten. Auch als Wilhelm Cavero durch Polizisten im Stadtteil San Miguel ermordet wurde oder als Polizisten des Kommissariats im Viertel Salamanca die Studentin Brigitte Acuña umbrachten oder angesichts der Tode von Karina Rondón im Stadtteil Callao oder des Unternehmers Guillermo Li in Monterrico geschah nichts. Bei all diesen Fällen vermieden es die Medien ein Klima der Unsicherheit zu nähren und das Gefühl zu produzieren, "dass könnte mir auch passieren".

„Notwendige Tote“

Die Berichterstattung der Medien kann bewirken, dass die Bevölkerung eine Straftat als weit entfernt oder bedrohlich nah empfindet. Sie kann sogar bewirken, dass einige Tote als „notwendig“ angesehen werden: Zu Zeiten von Präsident García wurden Tote dann als eine „Bedrohung für die Gesellschaft“ präsentiert, so geschehen bei den 65 Personen die starben, während sie an unterschiedlichen sozialen Mobilisierungen starben oder, noch schlimmer, so wird auch bei den 47 außergerichtlichen Hinrichtungen argumentiert, die ein Todesschwadron in Trujillo verübt hatte.

Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, dass in einer Stadt wie Lima, mit acht Millionen Einwohnern und zunehmender Armut, Ungleichheit und Frustration, Probleme mit der Kriminalität bestehen. Es ist jedoch sehr bedauerlich, dass viele Kommunikationsmedien und Politiker die Kriminalität nicht als das Symptom, sondern als die Krankheit ansehen. In jenen Staaten Lateinamerikas, wo mehr Gleichheit herrscht und es sehr wenig Armut gibt, ist die Kriminalität sehr gering ­­­­­­­‒ in Uruguay und Costa Rica zum Beispiel. Am anderen Ende der Statistik finden sich Brasilien und Guatemala, mit ihren furchtbaren Ausmaßen von Ungleichheit und Kriminalität.

Symptom und Krankheit verwechselt

Ohne die dahinter stehenden Probleme wahrzunehmen, regieren die Verantwortungsträger leider vor allem emotional auf Informationen über Unsicherheit und Kriminalität. Nach dem Überfall, den die Familie von Renzo Reggiardo erlitt, bildete man Hals über Kopf eine Kommission zur Bürgersicherheit, bei der die sozialen und präventiven Aspekte völlig außer Acht gelassen wurden.

Unverständlicherweise hat Reggiardo selbst, der außer seiner Eigenschaft als Opfer keinerlei Qualifikation dafür aufweist, auch noch den Vorsitz dieser Kommission übernommen. Vor einigen Tagen hatte er sogar gesagt, dass die Armee in den Straßen patrouillieren solle, um die Kriminalität zu bekämpfen. Wichtiger als Militärpatrouillien wäre allerdings, die Effizienz von Polizeiarbeit und Justizbehörden zu stärken und Armut und Ungleichheit entgegen zu wirken.

Vertrauen statt Gewalt

Vor einigen Jahren reduzierte man in Bogotá spürbar die Kriminalität, indem man vertrauensvolle Beziehungen zwischen den Bürgern schuf. Von fundamentaler Bedeutung sind zudem sichere öffentliche Räume, wo soziale Spannungen sich entladen können und somit das menschliche Zusammenleben leichter wird. In Lima gibt es exzellente Beispiele solch städtischer Erneuerung, wie die den Aussichtspunkt Alameda Chabuca Granda, den Park Parque de la Muralla und den Straßenzug Jirón Trujillo del Rímac.

Parallel dazu bestünde eine passende Antwort der Bürger wie du und ich auf die Kriminalität darin, sich weiterhin der Stadt zu erfreuen ohne zu erlauben, dass uns die von den Medien geschürte wachsende Angst paralysiert. Auf diese Weise verwandelt die eigene Bevölkerung die Stadt in einen sichereren Ort. Glücklicherweise wissen viele Einwohner der Stadt, wie man das tagtäglich in die Tat umsetzt.

Autor: Wilfredo Ardito Vega in Adital; Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer