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Die ermordeten Frauen von Ciudad Juürez

Ciudad Juárez an der mexikanischen Grenze zu den USA ist eine der gewalttätigsten Städte der Welt. Besondere Aufmerksamkeit erregen seit Anfang der 1990er Jahre die bestialischen Morde an Hunderten von Frauen. Das Schicksal eines solchen Opfers und seiner Familie, die um Gerechtigkeit und Aufklärung kämpft, ist jetzt verfilmt worden.

"Manchmal bin ich fröhlich, aber manchmal erscheint es mir völlig sinnlos, mich in der Gemeinschaft zu engagieren oder auch nur zur Arbeit zu gehen", sagt Paula Flores. Sie ist zum Symbol geworden für viele, die hier um Sühne für ihre verschleppten oder ermordeten Angehörigen kämpfen.

Etwa 800 Frauen sind nach offiziellen Angaben seit 1993 umgebracht worden. Paula Flores´ Tochter Sagrario wurde im April 1998 kurz vor ihrem 18. Geburtstag verschleppt, vergewaltigt und ermordet. "Manchmal bin ich total am Boden", sagt ihre Mutter. Ihr Blick schweift dabei über die Wüste vor dem Fenster. Sie lebt am Westrand der Stadt, hier ist die Armut noch sichtbarer als im Stadtzentrum.

Paula Flores steht im Mittelpunkt des Dokumentarstreifens ´La Carta: Sagrario... nunca has muerto para mí´ (Der Brief: Sagrario … Für mich bist Du nie gestorben), der beim diesjährigen Internationalen Menschenrechts‐Filmfestival in Mexiko‐Stadt erstmals präsentiert wurde. Der Regisseur José Bonilla zeichnet den Kampf der Familie um Gerechtigkeit und Aufklärung aus Sicht der Mutter nach. Den Vater trieb die Trauer über den Tod seiner Tochter vor vier Jahren in den Selbstmord. "Ciudad Juárez ist ein Thema, das uns alle angeht", sagt der Filmemacher.

Wie so viele waren die Flores´ Mitte der 1990er Jahre nach Ciudad Juárez gekommen, um in den ´Maquilas´ zu arbeiten, den Fabriken, die steuerbegünstigt für den Export produzieren. Drei Jahre später wurde Sagrario auf dem Heimweg nach Schichtende verschleppt und umgebracht.

Derzeit liegt die Mordrate in der Stadt bei 23 pro 100.000 Frauen. Sie liegt um das Dreifache über der Schwelle, ab der die Weltgesundheitsorganisation von einer epidemischen Mordrate spricht.

In den letzten Jahren sind die Frauenmorde etwas aus dem Blickfeld geraten. Mit dem Sterben der Maquila‐Fertigungsbetriebe haben die Rauschgiftkartelle das Grenzgebiet übernommen. Inzwischen liegt die Mordrate bei Männern bei 354 pro 100.000.

Urteil gegen die Regierung und Polizei


Doch immer noch verschwinden Frauen, die Behörden haben sich weitgehend aufs Wegschauen verlegt. In einem Fall schaltete sich der Interamerikanische Gerichtshofs für Menschenrechte ein und verurteilte den mexikanischen Staat für die Ermordung von drei Frauen in Campo Algodonero, außerhalb von Ciudad Juárez. Die Richter sprachen mehrere Polizeibeamte schuldig, die Ermittlungen behindert und so die Täter straffrei gelassen zu haben.

Auch Paula Flores brachte den Fall ihrer Tochter 2007 vor die Interamerikanische Menschenrechtskommission, nachdem die Ermittlungen der Familie zwar zu einer Verurteilung eines Mannes, aber nicht zur wirklichen Aufklärung des Verbrechens geführt hatten. Gleichzeitig rief sie die Sagrario‐Stiftung ins Leben, die nach Wegen aus der Gewalt in Mexiko sucht. Auch eine Vorschule in ihrem Vorort trägt seit 2002 den Namen der Ermordeten.

Wie Flores beklagt, ist etlichen Familien der Atem ausgegangen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Sie sieht eine klare Strategie der Bundesregierung und untergeordneten Behörden, das Problem herunterzuspielen und die Organisationen, die sich damit beschäftigen, in Misskredit zu bringen.

"Aber das Schicksal meiner Tochter ist kein Märchen, so wie der Gouverneur das Leid der vielen Ermordeten gerne darstellt. Ich habe nichts erfunden", so Paula Flores. "Sagrario hat wirklich gelebt – sie hatte ein großes Verlangen zu leben."

Autorin: Daniela Pastrana, deutsche Bearbeitung: Sebastian Voss , in IPS-Weltblick