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Die Eiserne Lady aus der Wundertüte Lulas

Sie sagt Sätze wie:“Ich bin der Meinung, eine Politik der Unterstützung aller Behinderten ist sehr wichtig und werde eine gesonderte Behandlung der Frage unterstützen insbesondere hinsichtlich der Sensibilisierung.“ Ihre Auftritte sind steif, ihre vom Blatt abgelesenen Reden dröge, ihr aufbrausendes Temperament fürchten selbst Mitarbeiter. Trotzdem hat Dilma Rousseff die besten Aussichten, am Sonntag die erste Präsidentin Brasiliens zu werden. Und das hat zwei Gründe: Sie ist die Wunschkandidatin und Ziehtochter von Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva, dem äußerst populären Staatschef des Landes, der laut Verfassung nicht noch einmal antreten darf. Und ihr Gegner José Serra hat kaum mehr Charisma aufzubieten und verspricht mehr oder weniger die gleiche Politik. Der glatzköpfige, ehemalige, sozialdemokratische Gesundheitsminister und Gouverneur von Sao Paulo, der bereits zum zweiten Mal nach der Präsidentschaft greift, gilt wie auch Rousseff als Macher. Er hat durchaus Erfolge vorzuweisen etwa bei der Modernisierung der Infrastruktur und der Verbrechensbekämpfung in Sao Paulo.

Roussef hat Vergangenheit


Doch Serra gilt als der Mann der Wirtschaft und ist damit abgestempelt als Vertreter einer klassenbewussten Elite, die trotz Rekordwachstum und dem weltpolitischen Aufstieg Brasiliens Lula wegen seiner einfachen Herkunft stets mit Vorbehalten sah. Rousseff hingegen hat wenigstens Vergangenheit: in ihrer Jugend gehörte die Wirtschaftsstudentin aus Belo Horizonte und Tochter eines wohlhabenden bulgarischen Unternehmers und Intellektuellen den Trotzkisten an. Sie ging in den Untergrund und saß während der Militärdiktatur (1964-1985) drei Jahre lang im Gefängnis, wo sie gefoltert wurde. Nach der Diktatur begleitete sie ihren ebenfalls politisch engagierten Mann in dessen Heimat, den traditionell progressiven Bundesstaat Rio Grande do Sul. Dort zog sie die gemeinsame Tochter auf und machte politische Karriere. Dabei wandelte sie sich von der linken Revolutionärin zur gemäßigten Sozialdemokratin – ganz wie auch die Arbeiterpartei (PT) Lulas, der sie allerdings erst 2003 beitrat. Wegen ihres sperrigen Charakters wurden der fleißigen, nüchternen Frau gerne Verwaltungsaufgaben und Zahlenkram zugeteilt. So war Rousseff unter anderem Stadtkämmerin in Porto Alegre und Präsidentin des Statistikamtes.

Legendäre Streitereien mit Umweltministerin Silva


Nach seinem Wahlsieg 2002 holte Lula die inzwischen geschiedene „eiserne Lady“ als Ministerin für Bergbau und Energie ins Kabinett. Dort verfocht sie neue Megainvestitionen im Energiesektor – darunter die jetzt begonnen Staudämme im Amazonas - und lieferte sich legendäre Streitereien mit Umweltministerin Marina Silva, heute eine ihrer Konkurrentinnen um die Präsidentschaft. Ihre zu dem Zeitpunkt deutlich berühmteren männlichen Kollegen spotteten gerne über die langen, mit Zahlen und Grafiken gespickten Vorträge der Ministerin und krönten sie zur „Power-Point-Königin“. Einige der Lästermäuler, die gerne selbst Lulas Nachfolge angetreten hätten, sitzen heute im politischen Abseits. 2005 stürzte das halbe Kabinett über schwarze Kassen bei der Wahlkampffinanzierung, und Lula ernannte Rousseff zur Kanzleramtschefin und Krisenmanagerin. „Mit ihr wurde es dort ernst“, erinnert sich ein Kollege. Effizienz legte Rousseff an den Tag, doch wenig politisches Fingerspitzengefühl. Mehrmals musste Lula beschwichtigen, wenn sie sich mit Kollegen oder Petrobras-Chef José Sergio Gabrielli in die Wolle bekam.

„Die Verlegenheitslösung“

„Die Verlegenheitslösung“, spotteten die Medien, als vor zwei Jahren klar wurde, dass Lula sie auserkoren hatte. Die Sozialdemokraten witterten Morgenluft, schließlich hatte Rousseff noch nie einen Wahlkampf bestritten. Der sozialdemokratische Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso sah durch die Ernennung per Fingerzeig Brasiliens Demokratie in Gefahr. Und auch die linke Parteibasis der PT muckte auf gegen die als „neoliberal“ und „unternehmerfreundlich“ etikettierte Technokratin. „Dilma ist ein Produkt aus der Wundertüte Lulas, ohne Konsultation der PT“, meckerte Justizminister Tarso Genro. Doch Lula warf das ganze Gewicht seiner 80 Prozent-Popularität für die Kandidatin in die Waagschale, lobte sie wann immer er konnte über den grünen Klee, machte sie zur Chefbeauftragten für das „Programm zur Wachstumsförderung“, was zur Folge hatte, dass Rousseff fortan zusammen mit Lula landauf, landab Infrastrukturprojekte einweihen durfte.

Image aufgefrischt

Ein Stab aus Experten nahm sich ihrem Image an. Die grauen Hosenanzüge wurden durch bunte Kleider ersetzt, der braune Pagenkopf durch einen flotten Kurzhaarschnitt aufgelockert, die Falten weggespritzt, die Brille durch Kontaktlinsen ersetzt, die Kandidatin mit dem Diminutiv Dilminha verniedlicht. Der Erfolg war mäßig: in den ersten Umfragen lag sie 25 Punkte hinter Serra. Doch dann wandelte sich eine Tragödie zum Glücksfall: Bei Rousseff wurde 2009 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Mutig stellte sich die 62jährige der Krankheit, trat nach mehrere Chemotherapien schlanker und in Perücke wieder vor die Kameras – und löste eine Symathiewelle aus, die sie in jüngsten Umfragen nahe an die 50-Prozent brachte, die für einen Sieg im ersten Wahlgang notwendig sind.

Keine Überraschungen zu erwarten

Überraschungen sind von der frischgebackenen Großmutter und Bewunderin griechischer Sagen kaum zu warten. Sowohl die konservative Wirtschaftspolitik, als auch die unorthodoxe Außenpolitik mit dem Ziel, Brasilien zur Weltmacht zu machen, dürfte Rousseff fortsetzen. Nur auf Lulas Charme und Glamour werden die Fernsehkameras künftig verzichten müssen. Der Altpräsident wird wohl für Disziplin in der PT sorgen müssen, damit aus seiner Kronprinzessin keine lahme Ente wird.

Autorin: Sandra Weiss